Gesundheit : Potsdam: Feiern im Schatten des übermächtigen Berlin

Uwe Schlicht

Mit Optimismus feiern, wie kann man das in diesen schwierigen Zeiten? Die Universität Potsdam hat den Versuch gemacht. Und die Wissenschaftsministerin Johanna Wanka hat sie dazu ermutigt, nicht die Jammerarie über das immer zu knappe Geld anzustimmen, sondern mit Zuversicht die eigenen Leistungen herauszustellen. Aber wie macht das eine Universität, die in diesem Jahr nur noch einen Nothaushalt fahren kann, weil das Defizit von sieben Millionen Mark in einem 145-Millionen-Haushalt ins Gewicht fällt? Nur die Professoren, die in den Jahren von 1991 bis 1994 berufen wurden, erhalten noch ihre Berufungszusagen zu 100 Prozent. Die anderen, die nach 1994 an die Hochschule kamen, mussten in den Berufungsverhandlungen in den Haushaltsvorbehalt einwilligen und bekommen dafür heute nur noch 60 Prozent ihrer Berufungszusagen. Das macht böses Blut.

Wie soll eine Universität optimistisch feiern, wenn im ganzen Land Brandenburg nur 40 Prozent der Studienberechtigten auch studieren können? Es gibt zu wenig Studienplätze, 60 Prozent der Abiturienten müssen sich anderswo umsehen. Sie beginnen statt des Studiums eine Lehre oder weichen an die Hochschulen der Nachbarländer aus. Die Universität Potsdam musste in 40 von 55 Studiengängen den Numerus clausus verhängen. Das sagt genug über die Lage.

Aber das funktioniert nicht als Einbahnstraße: Die Berliner Jugendlichen haben zunehmend Potsdam als Studienort entdeckt, weil sie dort an der Uni mit 13 000 Studenten eine Alternative zu den Massenuniversitäten mit über 30 000 Studenten finden. Das gilt für Juristen und Verwaltungsstudenten ebenso wie für die Geologen. Sie lockt etwas anderes nach Potsdam: die außerdordentlich vielversprechende Kooperation mit den außeruniversitären Forschungsinstituten - dem Geoforschungszentrum, dem Alfred-Wegener Institut für Polarforschung und dem Klimaforschungsinstitut.

Viertgrößte Wissenschaftsregion

Die Universität hat also doch Grund zum Feiern. Potsdam ist nach den Erhebungen der Vereinigung der großen Forschungsinstitute die viertgrößte Wissenschaftsregion in Deutschland geworden: nach Berlin, München und Hamburg. Das verdankt sie den drei Hochschulen sowie den 22 Forschungsinstituten von Rang: Max-Planck-Institute, Institute der Forschungsgemeinschaft Leibniz, der Fraunhofer Gesellschaft und der Großforschungseinrichtungen der Helmholtzgemeinschaft. Sie alle sind mit der Universität verbunden - mit Doppelberufungen bei 32 Professoren. Von dem Netzwerk profitieren die Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, weil sie mit der internationalen Forschung in Berührung kommen - umgekehrt haben die Forschungsinstitute den Vorteil, sich in der Universität die geeigneten Nachwuchswissenschaftler herauspicken zu können.

Aber alle diese Perspektiven laufen dennoch am Ende wieder auf das leidige Thema Finanzen zu: Brandenburg kann den Hochschulausbau nicht mehr adäquat zur wachsenden Zahl der Studierwilligen betreiben - denn Brandenburg kann bis zum Jahre 2010 mit 40 000 Studenten rechnen. Danach ist ein Rückgang auf den heutigen Stand von 32 000 Studierenden zu erwarten. Statt der mit dem Wissenschaftsrat abgesprochenen 34 000 Studienplätze, die noch rechtzeitig bis zum Hauptandrang entstehen sollten, reicht das Geld nur für den Ausbau auf 25 000 Studienplätze. Wann sie erreicht werden - ob im Jahr 2006, 2008 oder erst 2010 - ist offen. 25 000 Studienplätze wären dann auch der Endausbau.

Die Folge der Sparpolitik: Die Überlastung der Hochschulen beträgt in den Studiengängen heute schon bis zu 170 Prozent. "Sehr viel mehr Überlast ist nicht mehr tragbar", meint denn auch die Wissenschaftsministerin auf der Jubiläumsveranstaltung. Sie sagt aber nicht, wie viel Geld das Kabinett in der mittelfristigen Finanzplanung für die Hochschulen vorsieht. Denn das ist noch nicht entschieden. Johanna Wanka fügt noch einen Satz hinzu: "Eine der wenigen Möglichkeiten Brandenburgs ist es, jetzt junge Leute ins Land zu ziehen und zu halten. Der Hochschulausbau ist eine der wenigen Chancen, die Brandenburg hat." Im Haushalt "ist ein gewisser Aufwuchs möglich".

Die skeptischen Antworten der Wissenschaftler folgten in der anschließenden Diskussion. Der Sprecher der Vereinigung der außeruniversitären Forschungsinstitute, Rolf Emmermann, sagte: Es drohe die Gefahr, dass exzellente Wissenschaftler aus Potsdam weggehen. In finanziell schwierigen Zeiten sei es viel schwerer, gute Leute zu berufen als in Zeiten der Wiedervereinigung, als noch Visionen locken konnten. Daher müssten die Politiker im Landtag in den Haushaltsentscheidungen die richtigen Prioritäten setzen.

Keine Nischenexistenz

Die Vorsitzende des Landeshochschulrats, Evelies Mayer, meinte, die Finanzierung der Hochschulen sollte sich nach dem Andrang der Studenten richten, sonst drohe die Abwanderung gerade der besten jungen Wissenschaftler aus den neuen Ländern in den Westen und ins Ausland.

Keiner auf dem Podium sprach sich für eine Nischenexistenz aus - dass Potsdam sich wegen der Nähe zum übermächtigen Berlin in der Wissenschaft nur das leisten kann, was Berlin noch nicht pflegt. Der Referatsleiter im Brandenburger Wissenschaftsministerium, Brandt, äußerte stellvertretend für alle, Potsdam müsse seine Stärken weiterentwickeln, um später in einem künftigen gemeinsamen Land mit Berlin ein ernst zu nehmender Partner zu sein. Das gilt auch für die Konkurrenz der beiden Wissenschaftsparks in Adlershof für Berlin und in Golm für Potsdam. Brandt brachte es auf den Nenner, die Potsdamer müssten "partnerschaftsfähig" sein, wenn sie in Beziehung mit Berlin treten. "Wir haben Zeit, uns zu entwickeln, weil wir noch nicht fusioniert sind."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben