Gesundheit : Prähistorisches Netzwerk: Hüte Dich vor Fürsten, die Geschenke bringen

Karin Dzionara,Ingo Bach

Die Welt der Bronzezeit war groß - größer wohl auch, als bisher vermutet. Schon lange bevor die ersten Staaten entstanden, gab es zwischen den prähistorischen Kulturzentren der Erde einen intensiven Austausch, der über Tausende von Kilometern reichte. Wissenschaftler versuchen nun, die Formen dieses "Netzwerkes" zu rekonstruieren. Im 4. und 3. vorchristlichen Jahrtausend entstanden im nahen und fernen Osten, in Nordafrika und schließlich in Europa Kulturen, die auf der Verarbeitung und dem Gebrauch von Bronze fußten.

Wahrscheinlich war es ein Zufall, der zur Entdeckung dieser vielseitig einsetzbaren Kupfer-Zinn-Legierung führte, vermutet Bernhard Hänsel, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Freien Universität. "Im heutigen tadschikisch-usbekischen Grenzgebiet konnte eine gemeinsame Lagerstätte von Kupfer und Zinn archäologisch nachgewiesen werden, die damals schon ausgebeutet wurde." Und dort könnte beim Einschmelzen von mit Zinn verunreinigtem Kupfererz - neben dem Gold das erste Metall, das die Menschheit zu verarbeiten lernte - zufällig Bronze entstanden sein. Die Legierung hat gegenüber reinem Kupfer einen entscheidenden Vorteil, sie fließt besser und lässt sich deshalb leichter gießen. Erst dadurch wurde es möglich, nicht nur Kunsthandwerk, sondern vor allem Metallwaffen herzustellen und damit siegreich Kriege zu führen.

Der Welthandel wird erfunden

Die Erfindung dieses Metalls war es schließlich auch, die den Welthandel begründete, sagt Hänsel - ja ihn geradezu erzwang. Denn es gab weltweit nur wenige ausbeutbare Lagerstätten, und nicht überall waren beide Metalle zusammen zu finden. Ein überregionaler Austausch war nötig. Doch: "Der Fernhandel in der Bronzezeit war eigentlich kein Handel im heutigen Sinne." So gab es erst etwa seit dem 2. vorchristlichen Jahrtausend Händler, die nur vom Vertrieb der Waren leben konnten. Man handelte nicht, man machte Geschenke. Dahinter stand ein knallhartes politisches Kalkül, ging es doch um Macht und Einfluss. Ein Fürst, der im Besitz von Bronze war - zum Beispiel, weil Kupfer und Zinn auf seinem Herrschaftsgebiet gefördert wurden - verschenkte sie an andere Völker und brachte sie so gewissermaßen in seine Abhängigkeit. Hänsel: "Derjenige, der schenkt, erhöht sich über den Beschenkten."

So entstand im Laufe der Jahrhunderte ein weitverzweigtes Netzwerk von bronzezeitlichen Kulturzentren. Eines dieser Zentren war Troja. Lange Zeit galt die sagenumwobene antike Stadt Kleinasiens als Leitstern abendländischer Kultur und Bildung. Heute nehmen wir an, dass die Wurzeln jener Stätte, an der Helden wie Hektor, Achill und Priamos gekämpft und gelitten haben sollen, mit großer Wahrscheinlichkeit im anatolisch-altorientalischen Kulturkreis liegen. Sie war einst die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident und ein bedeutendes Handelszentrum der Bronzezeit - so jedenfalls die Meinung des Tübinger Prähistorikers und langjährigen Troja-Forschers Manfred Korfmann. Der weltweit einzige Inhaber einer Grabungslizenz für den "Schicksalsberg der Archäologie", wie Troja gern genannt wird, will nun nach zwölf Grabungskampagnen den Schwerpunkt seiner Forschungen in die Kaukasus-Region verlagern. Reichten die Geschäftsverbindungen Trojas bis zum Kaukasus, vielleicht sogar bis nach Zentralasien? Gab es in der Bronzezeit noch andere Handelswege als jene längst bekannten, die über Mesopotamien führten?

In diesem Sommer wird ein internationales Team unter Korfmanns Leitung zwar zur 13. Grabungskampagne nach Troja in die Türkei aufbrechen, um tiefer in die verschiedenen Schichten des 15 Meter hohen "Berges" einzudringen. Zugleich aber zieht eine kleine Gruppe von Archäologen in die metallreiche Kaukasus-Region: Die Tübinger Pioniere sind auf der Suche nach den Beziehungen zwischen Troja und dem heutigen Georgien in der Bronzezeit.

Neunmal wieder aufgebaut: Troja

Vor drei Jahren bereits machten sich junge Tübinger Archäologen erstmals auf den Weg in die GUS-Republik. In Zusammenarbeit mit der Georgischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Tiflis und dem dortigen Landesamt für Denkmalpflege haben georgische und deutsche Forscher mit ersten gemeinsamen Grabungen am Siedlungshügel Didi Gora in Ostgeorgien begonnen. Die aktuellen Grabungen unter Korfmann in der Landschaft Kachetien haben bereits gezeigt, dass es dort Kulturschichten gibt, die vom dritten bis ins erste vorchristliche Jahrtausend reichen. In dieser Zeit erlebte auch Troja mehrere Hochphasen - und wurde dazwischen immer wieder zerstört. Insgesamt neun Mal erstand die Stadt neu. Dieses Schicksal widerfuhr der Handelsstadt während einer Zeitspanne von mehr als 3500 Jahren, zwischen 3000 vor und etwa 500 nach Christi Geburt. Denn die strategisch günstige Lage mit dem wichtigen Zugang von der Ägäis zum Schwarzen Meer weckte stets Begehrlichkeiten.

Eine erste Blüte erlebte Troia in der frühen Bronzezeit um 2500 v. Chr. Damals stand dort ein solider, repräsentativer Herrschersitz. Schatzfunde aus dieser Phase - darunter der fälschlich so genannte "Schatz des Priamos", dem der geradezu legendäre Ausgräber Heinrich Schliemann Ende des 19. Jahrhunderts auf der Spur war - bezeugen, dass die Trojaner bereits damals Welthandel in alle Himmelsrichtungen trieben.

Am prächtigsten war die antike Stadt in der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends: eine Metropole von rund 200 000 Quadratmetern Größe. Im bronzezeitlichen Troja gab es kunsthandwerkliche Spitzenarbeiten, wie sie ansonsten außerhalb Mesopotamiens und Ägyptens selten sind. Dabei wurden auch Rohstoffe verarbeitet, die importiert werden mussten: Karneol von der Krim, Bernstein aus dem Baltikum, Lapislazuli aus Afghanistan und später auch Pferde aus der Steppe (daher stammt vermutlich der Mythos vom Trojanischen Pferd).

Hängen diese glanzvollen Perioden Trojas innerhalb von tausend Jahren auch mit den Handelswegen über den Kaukasus durch das Schwarzmeergebiet zusammen? Auch in Kachetien im Nordosten Georgiens gab es gewaltige Palastanlagen mit großen Vorratsräumen, wie Luftaufnahmen zeigen. Machten Rohstoffe wie Kupfer, Blei und Silber sowie Fernhandelsbeziehungen diese Region reich? Das heißt: Profitierte das Gebiet von der neuen Nordroute zur Handelsdrehscheibe Troja? Die archäologische Erschließung des Schwarzmeerraumes könnte weitere Auskünfte geben: Vor allem Metallfunde werden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Ab 2002 wird Korfmann selbst dort sein. Er möchte damit ein Tor in den Osten aufstoßen und vor allem deutsche wie türkische Nachwuchswissenschaftler motivieren, die bronzezeitlichen Handelskontakte zwischen den Kaukasusländern, dem Schwarzmeerraum und Anatolien genauer zu untersuchen: Der Kaukasus als eine Brücke zwischen Europa und Asien rückt verstärkt in den Blickpunkt der Forschung.

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