Gesundheit : Pränatale Medizin: Das ungeborene Kind ist zum Patienten geworden

Justin Westhoff

1925 wurde er in den Karpaten geboren. 1960 entnahm er einem ungeborenen Kind Blut - um es zu retten. Dies war nicht die erste heroische Tat des späteren Professors Erich Saling. Als Assistenzarzt im Kreißsaal hatte er Mitte der fünfziger Jahre beobachten müssen, wie ein leblos geborenes Kind, hochgehalten an den Füßen, durch "gezielte Schläge auf den Hintern" (so sein späterer Mitarbeiter Jörg Giffei, heute Chefarzt in Datteln) wiederbelebt werden sollte - erfolglos. Der gerade in moderner Intensivmedizin ausgebildete Jungmediziner konnte nicht verstehen, dass keiner der Altvordern eine Ahnung davon hatte, weshalb Kinder perinatal, also um die Geburt herum, an Sauerstoffmangel sterben und warum es keine Apparate gab, um ihnen schon im Mutterleib zu helfen.

Am Anfang stand das Beatmungsgerät

Um das "Kind im Bereich der Geburtshilfe" (so der Titel seines ersten Buches) hatte sich offenkundig bisher niemand gekümmert. Erich Saling, bis heute von Technik fasziniert, machte sich daran, diesen Zustand zu ändern. Er bastelte ein Beatmungsgerät für die Reanimation des Neugeborenen. Bald darauf entwickelte er eine Methode, um die Hypoxie, eine Sauerstoffmangelversorgung, vor der Geburt zu entdecken - eben durch Blutentnahme beim Ungeborenen - und so notfalls das Kind durch künstliche Geburtseinleitung zu retten. Der Fetus sollte zum Patienten werden. Mit seinen frühen und den folgenden Pioniertaten hat Saling, längst national und international als "Vater der Perinatalmedizin" apostrophiert, eine Zeitenwende eingeleitet.

Ein wissenschaftliches Symposium unter dem Titel "Zeitwende" zu seinem 75. Geburtstag machte jetzt deutlich, wie sehr der Fetus mittlerweile wirklich ein Patient geworden ist. Bernhard-Joachim Hackelöer von der Hamburger Uniklinik machte zwar darauf aufmerksam, dass auch heute noch viele angeborene Krankheiten nach der Geburt behandelt gehören. Deswegen sei die Zusammenarbeit der Geburtshelfer und Neugeborenenmediziner zum Beispiel mit Kinderchirurgen sehr wichtig. Aber manche Defekte können mittlerweile aufgrund intrauteriner Frühdiagnostik beim Ungeborenen behandelt werden, um eine weitere, möglichst gesunde Entwicklung nach der Geburt zu ermöglichen. Dazu gehören Eingriffe unter Ultraschall-Beobachtung oder mittels Endoskopen, die zunehmend miniaturisiert werden - etwa bei Herzfehlern -, und intrauterine Transfusionen etwa bei Rhesusfaktor-Unverträglichkeit.

Wo solche Eingriffe im Mutterleib etabliert sind, liegen die Überlebensraten bei 85 Prozent. Bei anderen intrauterinen Eingriffen fehlen noch groß angelegte Studien. Dies betrifft zum Beispiel lebensbedrohliche Nieren- und Lungenerkrankungen, die mittels Punktion im Mutterleib beseitigt werden können, ferner Fruchtwasserstörungen oder auch Wachstumsverzögerungen beim Feten. Erste experimentelle Erfolge gibt es auch bei der intrauterinen Behandlung von Zwerchfellhernien oder bei angeborenen Krebserkrankungen, bei denen die den Tumor versorgenden Gefäße mit einem Laser koaguliert werden.

Magnus Westgren aus der Gynäkologie und Geburtshilfe am schwedischen Karolinska-Institut berichtete über ein weiteres Verfahren mit offenbar großen Chancen in der Zukunft, die Stammzelltransplantation beim Feten. Generell werden bei Stammzelltransplantationen gesunde "Mutterzellen" eines Spenders auf einen Erkrankten übertragen. Stammzellen sind unverzichtbar für Blutbildung und Regeneration des Knochenmarks und damit für die Funktion des Immunsystems. Bei Ungeborenen wurde diese Methode bisher 40 Mal angewendet, zum Beispiel bei Erbkrankheiten wie der Mittelmeer- und der Sichelzell-Anämie und bei Rhesusfaktor-Unverträglichkeiten sowie bei angeborenen Immunschwächekrankheiten.

Jedoch sind davon bisher nur 14 Transplantationen dauerhaft angegangen. Westgren hat die Ursache gefunden: Das fetale Immunsystem stößt früher als bisher angenommen, ab der zehnten bis zwölften Schwangerschaftswoche, Fremdeiweiß ab. Je früher der Eingriff, desto größer also die Erfolgsaussichten. In Berlin schilderte der schwedische Arzt und Wissenschaftler einen beeindruckenden Fall. Es ging um die normalerweise tödliche, angeborene Immunschwäche-Krankheit SCID (severe combined immunodeficiency). Kollegen der Bonner Universitätsklinik schickten die Schwangere nach Stockholm. Dort übertrugen die Ärzte dem Ungeborenen Stammzellen, die aus der Leber eines tot geborenen Feten entnommen worden waren (in anderen Fällen können sie aus Nabelschnurblut oder Knochenmark gewonnen werden). Die Prozedur selbst bezeichnete Westgren als "simpel" - die Fremdzellen wurden dem Fetus in den Bauchraum injiziert, das Verfahren dauerte gerade mal zehn Minuten.

Bei der SCID funktionieren vor allem die T-Lymphozyten nicht, die für die Erkennung von körpereigenen und -fremden Strukturen von entscheidender Bedeutung und damit Voraussetzung für das Funktionieren der Körperabwehr sind. Nach der intrauterinen Transplantation arbeiten die T-Zellen des ungeborenen Patienten normal, die Geburt erfolgte termingerecht, und Westgren konnte das Foto eines gesunden, einjährigen Knaben präsentieren.

Die Natürlichkeit der Schwangerschaft

"Wir wollen nicht mit immer mehr Tests der Schwangerschaft die Natürlichkeit nehmen, sondern im Gegenteil mit möglichst wenig belastenden Methoden die wenigen herausfiltern, bei denen Probleme auftreten könnten - und damit eine Reihe von unnötigen Untersuchungen vermeiden", betonte Wolfgang Holzgreve von der Universitäts-Frauenklinik Basel, der über Möglichkeiten berichtete, angeborene Krankheiten durch Analyse fetaler Zellen im mütterlichen Blutkreislauf viel früher als mit den bisherigen, zudem noch "invasiven" Techniken wie der Fruchtwasserentnahme zu erkennen. Und Hackelöer meinte: "Gute Pränataldiagnostik rettet weit mehr Leben als sie zum Beispiel zu Schwangerschaftsabbrüchen führt."

Einer, der sich so etwas hat träumen lassen, vernahm es mit Genugtuung. Doch selbst Pionier Saling nickte zustimmend, als der jüngere Hamburger Mitstreiter warnte: "Dennoch belastet uns die Erwartung an die Pränatalmedizin, nämlich die Garantie für ein gesundes Kind, und die können wir nicht geben."

0 Kommentare

Neuester Kommentar