Gesundheit : Präsident Meyer verteidigt die neue Verfassung der Humboldt-Universität vor Studenten

Anne Strodtmann

In Berlin gilt Hans Meyer als der Erfinder eines neuen Hochschulmodells. Eines Hochschulmodells, das radikal mit den bisher üblichen Verfassungen bricht: der Ordinarienuniversität, die allein den Lehrstuhlinhabern unangefochtene Mehrheiten sicherte, oder der Gruppenuniversität, die einen Ausgleich zwischen den Interessen der Professoren, Assistenten, Studenten und Dienstkräften erreichen wollte. Meyer setzt dagegen - und die Mehrheit in den Gremien der Humboldt-Universität ist ihm dabei gefolgt - auf Persönlichkeiten: Prominente Wissenschaftler, ehemalige Politiker oder Manager sollen für den Blick von außen sorgen und in strategischen Fragen der Universität nicht nur mitberaten, sondern mitentscheiden.

Eine dieser strategischen Fragen ist die Nominierung der Kandidaten für die Präsidentenwahl. Im Kuratorium neuer Art ist der bisherige Präsident Hans Meyer vorerst damit gescheitert, für eine neue Amtszeit über volle fünf Jahre nominiert zu werden. Das Kuratorium begründete das mit dem Alter: Meyer wäre dann über 70 Jahre alt. Für eine dreijährige Amtszeit würde es Meyer nominieren. Das Zögern des Kuratoriums hat, besonders unter den Dekanen der Humboldt-Universität (HU), empörte Reaktionen ausgelöst. Und es stellt sich die Frage, ob die Humboldt-Universität noch weiter zu ihrem neuen Modell einer starken Einflussnahme durch prominente Persönlichkeiten steht. "Ist die Uni noch zu retten?" ist das Thema einer Kolloquienreihe zur Hochschulreform.

Wer geglaubt hatte, dass das Kolloquium nach den Ereignissen der vergangenen Wochen gleichsam zum Tribunal geriete, sah sich getäuscht. Der derzeitige Präsident, Hans Meyer, verteidigte das von ihm mitgestaltete Modell, obwohl dieses Modell ihn selbst in Schwierigkeiten gebracht hat. "Jeder weiß, dass es zur Zeit eine Kontroverse gibt." Damit war für Meyer die Auseinandersetzung um seine zweite Amtszeit erschöpfend abgehandelt. Darüber hinaus bescheinigte er dem neuen Kuratorium seht gute Arbeit.

Auch für die Zuhörer - vorwiegend Jurastudenten im fünften Semester - war die zweite Amtszeit des Präsidenten kein Thema. Ihr Interesse galt vor allem der weiteren Entwicklung der Hochschulen. So wurde die Befürchtung laut, dass eine moderne Organisation der Universität mit Hochschulräten oder neuartigen Kuratorien und einem Höchstmaß an Autonomie letztlich zu Privatuniversitäten führen würde und damit der staatliche Bildungsauftrag gefährdet sei. Dem widersprach Meyer mit der Feststellung, dass private Universitäten viel zu teuer würden. Deren Renommee basiere nur darauf, dass die staatlichen Hochschulen "die Dreckarbeit machen". Einem Studenten, der dagegen ganz auf die staatliche Verantwortung für die Hochschulen setzte, hielt Meyer entgegen, dass Abgeordnete im Grunde von der Verwaltung einer Universität keine Ahnung hätte. Viele "wichtige politische Entscheidungen", begründete Meyer sein abgrundtiefes Mißtrauen gegen staatliche Eingriffe in die Wissenschaft, "waren Fehlentscheidungen.

Das Kuratorium alter Art, das nach Art des Rundfunkrates mit aktiven Politikern und Parteivertretern sowie Funktionären aus den Arbeitgeberverbänden und den Gewerkschaften besetzt war, hat sich in der Sicht von Präsident Meyer nicht bewährt. So hätten die Vertreter der Parteien nicht selten Reden, die sie im Abgeordnetenhaus nicht hatten halten können, in die Kuratoriumssitzungen eingebracht. Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern warf er vor, kein unabhängiges Abstimmungsverhalten gezeigt zu haben. Vielmehr hätten sie aufmerksam auf das Verhalten der von ihnen favorisierten Partei geschaut.

Das von Meyer favorisierte Modell basiert auf drei Grundgedanken: Die Universitäten müssen unabhängiger vom Staat werden und dadurch an Autonomie gewinnen. An die Stelle des starken Staatseinflusses soll der Rat und die Mitwirkung prominenter Persönlichkeiten treten. Außerdem ist die bisherige Trennung von allgemeiner staatlicher Verwaltung und akademischer Selbstverwaltung aufzuheben. In diesem Zusammenhang kritisierte Meyer, dass die Universitäten bis heute kaum über den Stand von 1794 hinausgekommen seien und immer noch auf Grund der staatlichen Finanzierung vorwiegend "Veranstaltungen des Staates" seien. Der Dualismus von staatlicher und akademischer Verwaltung sei heute nicht mehr vernünftig, sagte Meyer. Die Freiheit von Forschung und Lehre erfordere auch eine angemessenen innere Organisation.

Eine Trennung von Verwaltungsaufgaben und akademischen Belangen sei nicht mehr angemessen. Meyer begründete das nicht zuletzt damit, dass jede Forschung und Lehre betreffende Entscheidung von der Höhe der verfügbaren Finanzmittel abhängig sei. Eine moderne Universitätsorganisation müsse die Fach- und Gruppeninteressen miteinander verbinden. In diesem Zusammenhang bedauerte es Meyer, dass er sich nicht mit seiner Vorstellung durchsetzen konnte, nach der alle Dekane der Humboldt-Universität auch dem Akademischen Senat angehören sollten. Eine solche Regelung sei vor allem bei den Studenten auf Widerstand gestoßen, für die die Dekane als Funktionäre nicht in ein gewählte Gremium gehörten. Meyer verteidigte seine Überlegung damit, dass die Gespräche mit den Dekanen - auf inoffizieller Ebene - ohnehin stattfänden, und die Entscheidungen im Akademischen Senat in diesen Zusammenkünften schon vorbereitet wurden.

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