Gesundheit : Preis des Lernens

Langzeit-Studenten sollen zahlen: Immer mehr Bundesländer wollen 1000 Euro und mehr pro Jahr verlangen

Bärbel Schubert

HOCHSCHULEN UNTER SPARDRUCK

Die Abiturientin Julia ist froh, dass sie die Schule hinter sich hat. Notendurchschnitt 1,6. Da bietet sich ein Studium doch geradezu an. Aber wie finanzieren? Ihre Eltern verdienen im Monat zusammen 2500 Euro netto. Der Bruder geht noch zur Schule und die nächste Universität ist weit entfernt. 650 Euro braucht sie ungefähr für Miete und Lebensunterhalt, PC-Zubehör und Bücher. Einen Teil davon kann sie mit Hilfe des Bafögs bestreiten. Doch ihre Eltern, die ohnehin schon über hohe Abgaben klagen, müssen auch einen Teil dazu beitragen.

Mehr als die Hälfte der Studenten entscheiden sich bei diesem Finanzproblem heute für das Jobben, zum einen um Ihr Budget aufzubessern, zum anderen aber auch um ihre Eltern etwas zu entlasten. Würde Julia auch studieren, wenn ihre Eltern im Jahr weitere 1000 Euro für Studiengebühren aufbringen müssten? Denn das ist der Mindestbetrag, der heute für Gebühren diskutiert wird. Auch höhere Summen von 2000 Euro jährlich und mehr sind im Spiel – Geld, mit dem die Eltern studierender Jugendlicher die Staatskasse zusätzlich entlasten sollen.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat sich kürzlich für Gebühren stark gemacht. Doch damit hat er seiner Parteifreundin Edelgard Bulmahn und der SPD-geführten Bundesregierung kräftig vors Schienbein getreten. Denn der Bund hat erst im vergangenen Jahr mit der Neuregelung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) Studiengebühren im Erststudium weitgehend ausgeschlossen – für das ganze Bundesgebiet. Damit haben SPD und Grüne ein Wahlkampfversprechen eingelöst. Nicht berührt vom HRG sind Langzeit- und Verwaltungsgebühren. Solange dieses Gesetz gilt, können die Länder im regulären Studium keine Gebühren erheben. Doch Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg und Sachsen bereiten dagegen jetzt eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht vor. Die Länder wollen sich nicht in ihre Zuständigkeit für die Hochschulen „hineinreden“ lassen.

Mit diesem Studiengebühren-Verbot will Bulmahn vergleichbare Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik für Eltern wie für Studierende garantieren und verhindern, dass Studenten aus den Ländern mit Gebühren in solche mit kostenfreiem Studium abwandern. Angesichts der leeren öffentlichen Kassen ist es für viele Finanzminister sicher eine Versuchung, sich durch einen stärkeren Beitrag der Familien eines Teils der hohen Ausbildungskosten zu entledigen.

Doch der Arbeitsmarkt verlangt in Zukunft nach mehr hoch qualifizierten Arbeitskräften als heute, mehr von ihnen auch mit akademischer Ausbildung. Darin sind sich die Arbeitsmarktforscher einig. In Deutschland studieren aber bereits weniger junge Menschen als in anderen Industrienationen. „Studiengebühren schrecken Kinder aus einkommensschwachen Familien vom Studium ab“, warnt Bulmahn zusammen mit anderen Gebührengegnern. Die Belastung der Familien mit Studiengebühren ist durchaus zumutbar, setzen die Befürworter dagegen und verweisen auf die in der Regel höheren Akademikereinkommen nach der Ausbildung. Auch aus den Hochschulen sind die Rufe nach allgemeinen Studiengebühren in den letzten Monaten immer lauter geworden; denn angesichts der Finanzknappheit der Länder haben die Hochschulen bundesweit mit Kürzungen zu kämpfen.

Teures Studium in Deutschland

Die Professoren hoffen, dass die Hochschulen dieses Geld zusätzlich erhalten würden. Bayerns erfahrener Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) hat unlängst vor solchen Illusionen gewarnt. Die Professoren sollten doch den Staat zunächst fragen, ob er ihnen überhaupt mehr Geld geben will. Bulmahn bläst ins gleiche Horn und mahnt die Hochschulen, vor neuen Geldforderungen das Studium effizienter zu gestalten. Denn nach den Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kostet eine Hochschulausbildung in Deutschland den Staat viel mehr Geld als anderswo. Ein Teil erklärt sich dabei durch die relativ langen Studienzeiten in der Bundesrepublik. Schnellere Abschlüsse wie Bachelor und Master sollen bald Abhilfe schaffen. Doch die Botschaft ist aus Sicht vieler Experten noch nicht in allen Hochschulen angekommen.

Um die Studenten selbst zum zügigen Studium zu drängen, erhebt Baden-Württemberg seit Jahren Langzeitgebühren in Höhe von 650 Euro pro Semester, wenn die Regelstudienzeit in einem Fach ohne trifftigen Grund deutlich überschritten wird, in der Regel bei mehr als 14 Semestern bis zum Abschluss. Nach Einführung der Gebühren haben die Hochschulen dort 20 Prozent ihrer Studenten eingebüßt. Aktuell haben nun Niedersachsen, Hamburg, Hessen, Sachsen-Anhalt und das Saarland angekündigt, längeres Studien mit Gebühren zu belegen.

Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein wollen einen anderen Weg gehen: Bei dem dort geplanten „Studienkonten-Modell“ können die Studierenden quasi wie von einer Telefonkarte Punkte für Seminare und Vorlesungen abbuchen lassen. Der Vorteil: Wer schneller studiert, erhält einen Bonus für spätere Weiterbildung. Doch auch hier gilt: Wer künftig zu lange braucht, muss Gebühren zahlen.

Ein Blick ins Ausland erschließt weitere Erfahrungen: In Großbritannien drängt Premierminister Tony Blair auf eine Erhöhung, obwohl die Erfahrungen mit den erst vor einigen Jahren von Blair selbst eingeführten Gebühren als schlecht gelten. Prominentestes „Studiengebühren“-Land sind die USA. Doch hier variieren die Gebühren je nach Hochschule stark.

Abschreckung in Australien

Australien galt viele Jahre als geglücktes Beispiel im Umgang mit Studiengebühren. Dort wird den Studenten das Geld über Fonds auf Antrag vorgestreckt. Zurückgezahlt wird erst nach der Ausbildung. Ein ähnliches Modell propagiert auch das Centrum für Hochschulentwicklung für Deutschland. Doch inzwischen verweist man auf die australische Gebührenpraxis eher ungern. Dort werden jetzt umgerechnet rund 3000 Euro jährlich für ein Studium in den „billigen“ Geisteswissenschaften verlangt. Wer ein aufwändiges Medizinstudium absolvieren will, muss dafür schon fast 12000 Euro zahlen. Die Hochschulen sind inzwischen auf dieses Geld angewiesen, da sich der Staat aus der Finanzierung weitgehend zurückgezogen hat. Solche hohe Summen nach dem Studium zurückzuzahlen, schreckt vor allem Kinder aus ärmeren Familien ab.

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