Gesundheit : Pressemappen und Pralinen

SVEN TILMAN SIEFKEN

Lernerfolg: Schlipsknoten.Beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung legt man Wert auf Äußerlichkeiten.Das liegt in der Natur der Sache begründet, denn diese oberste Bundesbehörde ist allein dazu da, Politik zu verkaufen.Und wer etwas verkaufen will, der muß seriös aussehen.

Zwischen dem Kanzleramt und den zahlreichen Journalistenbüros im "Tulpenfeld" liegt das Bonner Hauptgebäude des Presseamtes.Diese geographische Lage ist durchaus symbolisch für dessen Arbeit, denn: Vermitteln soll es, vermitteln zwischen Politik und Medien.Das Büro des CvD, des Chefs vom Dienst, ist rund um die Uhr besetzt und steht den Journalisten jederzeit für Anfragen zur Verfügung.Hier werden die Pressemitteilungen verfaßt und Pressekonferenzen organisiert.Chef des Presseamtes ist Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye im Rang des Staatssekretärs.

Doch die aktuelle Information der Journalisten ist bei weitem nicht alles, womit die über 600 Beamten beschäftigt sind.Längerfristige Imagekampagnen im Ausland werden in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt geplant und durchgeführt, Informationsstände auf den nationalen Messen betreut und Serviceleistungen für Journalisten bei Großveranstaltungen organisiert.

Seit dem Machtwechsel im vergangenen Herbst wird auch innerhalb Deutschlands verstärkt direkte Öffentlichkeitsarbeit betrieben, indem beispielsweise Zeitungsanzeigen geschaltet werden.Zuletzt erregte eine solche Anzeige zur doppelten Staatsbürgerschaft, erstmals kurz vor der Hessen-Wahl veröffentlicht, breites Aufsehen.Und die sich anschließende öffentliche Debatte begrüßt Heye lächelnd als erfolgreiche "nichtgekaufte Kommunikation".

Doch das Presseamt ist und bleibt eine Behörde.Die Mühlen der Bürokratie lernt man als Praktikant garantiert kennen, aber mit etwas Einsatz und Glück ist auch eine ganze Menge mehr zu erfahren.Auf dem Programm stehen Gespräche und Führungen in den verschiedenen Abteilungen des Amtes.Da hört man dann, daß die Markteinführung einer neuen Praline 25 Millionen Mark koste, mit nur knapp 24 Millionen aber das Presseamt ein ganzes Jahr lang Politik in Deutschland verkaufen muß.Handfeste und unvergeßliche Eindrücke hinterlassen die politischen Großveranstaltungen.Gipfeltreffen, Parteitage, Staatsempfänge "mit militärischen Ehren", von denen man zuvor meinte, daß es sie so nur in amerikanischen Kinofilmen gebe.Und als Beobachter der Beobachter kann man sich betätigen, wenn man das gut geölte Zusammenspiel von Politikjournalisten mit Politikern betrachtet.

Zu diesem Rahmenprogramm kommt eine mehr oder minder weitgehende Einbindung in die inhaltliche Arbeit des jeweiligen Referates, in dem man eingesetzt ist.Schon bei der Bewerbung sollten sich die Praktikanten in spe nämlich für ein bestimmtes Referat des Hauses entscheiden.Es kann passieren, daß man hier dann ausschließlich damit beschäftigt ist, Zeitungen zu lesen und thematische Zusammenstellungen an Deutsche Botschaften zu faxen.Oder man hat Glück und verfaßt eigene Analysen, die dann auf der beamteten Leiter nach oben gereicht werden und, je nach Güte, bis zum Kanzler gelangen können.

Nicht nur an der Darstellung der Politik arbeitet das Presseamt, sondern es beobachtet umgekehrt auch die Medienlandschaft und die Nachrichtenlage in Deutschland und der Welt.Jeden Morgen erstellen die Redakteure der Nachrichtenabteilung sogenannte Nachrichtenspiegel, Pressespiegel und Hörfunkspiegel für In- und Ausland.Diese vier- bis sechsseitigen Übersichten werden an die Ministerien und an die Bundestagsabgeordneten verteilt, die so einen umfassenden Einblick erhalten in aktuelles Geschehen und veröffentlichte Meinungen im In- und Ausland.Für den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten werden zudem umfangreiche Pressemappen erstellt.Den Praktikanten in der Nachrichtenabteilung kann es schon passieren, daß sie den ganzen Tag mit Notizblock vor dem Fernseher sitzen, aber dafür fühlen sie dann auch wirklich den Puls der Zeit.

Auf den langen Gängen des Presseamtes in Bonn ist derzeit das wohl häufigste Gesprächsthema der anstehende Umzug nach Berlin, wie man hierzu überhaupt in der Bundesstadt am Rhein ständig und überall Gesprächsfetzen aufschnappt.Und natürlich ziehen auch die Öffentlichkeitsarbeiter um, wenn das Parlament gen Osten zieht.

Nachdem die abzusehenden Umzugswirren überstanden sind, wird dort das Praktikumsprogramm weitergeführt.Knapp 80 Studierende fast aller Fachrichtungen können pro Jahr hier aus dem Elfenbeinturm in die Tagespolitik hinabsteigen.Grundsätzlich sollten sie mindestens vier Fachsemester heil überstanden haben, und erste praktische Erfahrungen in Journalismus oder Öffentlichkeitsarbeit sind sehr erwünscht.

Dynamisch attestiert sich das Presseamt selbst, eine Vorreiterrolle einzunehmen bei der Einführung moderner Verwaltungstechniken entsprechend dem Leitbild des Schlanken Staates.Controllingverfahren und Kostenmanagement, der Wirtschaft entlehnt, haben nicht zuletzt die Folge, daß Praktika unvergütet bleiben.Aber, so wird versichert, "die Referenz vom Presseamt öffnet Türen".Und eins kann zumindest der männliche Student ja sicher auf der Habenseite verbuchen - die Fähigkeit, blind seine Krawatte zu binden.

Stichtag für Bewerbungen um ein Praktikum im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung ist der 1.Oktober 1999.Bundespresseamt, Personalreferat, Welckerstraße 11, 53113 Bonn, Tel.02 28 / 2 08-21 33 oder -21 38.Weiteres zum Bundespresseamt: http://www.bundesregierung.de/impressum/bpa.html

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