Gesundheit : Private Doktorspiele

Ein Berliner College will Mediziner ausbilden. Experten sind skeptisch

Tilmann Warnecke

Das private Touro-College will in Berlin auch Mediziner ausbilden. Zum Herbst 2007 sollen an der ersten jüdisch-amerikanischen Hochschule Deutschlands 100 Erstsemester ihr Medizinstudium aufnehmen. Für das seit langem angekündigte Vorhaben hat das College jetzt erste detaillierte Pläne vorgelegt: Die Studierenden sollen in Marzahn am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) lernen, für die theoretischen Kurse will die Hochschule in das benachbarte denkmalgeschützte Gebäude des ehemaligen Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses ziehen.

Ein ambitioniertes Unternehmen für eine private Hochschule, die bisher nur Studenten im Fach Betriebswirtschaft zum Bachelorabschluss führt. Der bislang einzigen deutschen Privatuniversität mit dem Fach Medizin in Witten-Herdecke hat der Wissenschaftsrat vor kurzem eine katastrophale Diagnose gestellt: Eine annähernde Gleichwertigkeit mit den staatlichen Unis sei nicht gegeben.

Dabei galt Witten-Herdecke lange als Vorbild für die Medizinerausbildung – und als gutes Beispiel, was eine private Medizinhochschule leisten kann: Mit problemorientiertem Lernen überwanden die Wittener die strenge Trennung in theoretisches Lernen im vorklinischen und praktische Anwendung im klinischen Teil. Doch seitdem staatliche Medizinfakultäten wie die Berliner Charité das Konzept übernommen haben, hinkt Witten hinterher. Jetzt will das Touro-College Vorreiter sein und „erheblich über die Reformstudiengänge hinaus gehen“, sagt Franz Xaver Kleber vom UKB, der die Lehrpläne entwickelt. Am Touro-College solle sich die Lehre stärker an den Krankheitsbildern von Patienten und nicht so sehr an Fehlfunktionen von Organen orientieren, wie es bisher üblich sei. Die Studenten sollen auch nach den Plänen des Touro-College in den USA lernen, damit sie zusätzlich einen amerikanischen Medizinabschluss erwerben können.

Experten sehen das Vorhaben skeptisch. Die Medizinerausbildung am amerikanischen Stammsitz habe „keinen besonders guten Ruf“, sagt Manfred Dietel, früher Dekan an der Charité. Das College bildet seine Studenten in den USA in Osteopathie, nicht in klassischer Medizin aus. Dieser Ansatz, der die Ursache aller Krankheiten auf Bewegungseinschränkungen von Muskeln, Nerven und Knochen zurückführt, ist unter Ärzten umstritten. Dietel bezweifelt auch, dass die Hochschule den gesamten Apparat für eine Unimedizin vorhalten kann. Das UKB hat zwar in seiner Spezialdisziplin, der Versorgung von Notfallpatienten, international einen guten Ruf. Andere Fächer fehlen dagegen, wie Gynäkologie oder Psychiatrie. Dafür wolle man Partnerkrankenhäuser gewinnen, sagt eine Sprecherin.

Das Touro-College setzt auf eine baldige staatliche Anerkennung des Berliner Senats. Das dürfte schwierig werden. Der Wissenschaftsrat, der das Projekt für den Senat begutachtet, hat Minimalanforderungen für eine Unimedizin aufgestellt, die das Touro-College deutlich unterschreitet. 60 Professoren und 1 100 Betten, davon 850 im Klinikum der Hochschule, seien „die absolute Untergrenze“, lauten die Vorgaben. Das Unfallkrankenhaus hat 560 Betten, bis zu vierzig Lehrstühle sollen eingerichtet werden.

Über seinen Etat schweigt sich das College aus. Fest stehe, dass eine Million Euro pro Semester durch Studiengebühren eingenommen werden, sagt Kleber. 10 000 Euro müssen die Studenten pro Semester zahlen. Geld soll auch die New Yorker Zentrale überweisen. „Auf staatliche Mittel wollen wir verzichten“, sagt Kleber. Zum Vergleich: Witten gibt pro Jahr 6,3 Millionen Euro aus, die kleinste staatliche Unimedizin in Greifswald bekommt 35 Millionen Euro Zuschüsse.

Bewerbungen nimmt die Hochschule an, sobald der Studiengang staatlich anerkannt ist. Über den Stand des Verfahrens gibt es unterschiedliche Aussagen. Beim Touro-College heißt es, der Senat sei „jetzt am Zug“. „Wir haben von Touro lange nichts gehört“, sagt dagegen eine Senatssprecherin.

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