Gesundheit : Privatisierte Uni-Medizin?

Kräfte bündeln: Was der Wissenschaftsrat empfiehlt

Anja Kühne

Die Hochschulmedizin gehört zu den größten Herausforderungen, vor denen die Bundesländer stehen – finanziell wie strukturell. „Um im internationalen Vergleich den Sprung in eine andere Liga zu schaffen, müssen in Deutschland an besonders leistungsfähigen Standorten der Universitätsmedizin alle Kräfte mobilisiert und Mittel fokussiert werden“, sagte Karl Max Einhäupl, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, am Montag nach der Tagung des Gremiums. Doch litten die Uniklinika unter einer gewaltigen Unterfinanzierung. In nahezu allen Bundesländern werde deshalb über die Privatisierung diskutiert.

Hessen wird diesen Schritt noch in diesem Jahr mit seiner inzwischen fusionierten Universitätsmedizin in Gießen und Marburg vollziehen – ein Vorgang, der auf die ganze Republik ausstrahlen werde, sagte Einhäupl. Der Wissenschaftsrat sei generell „offen für Experimente“. Sollte es aber schrittweise zu einer flächendeckenden Privatisierung der Uniklinika in Deutschland kommen, könnte dies Risiken bergen, die erst in zehn Jahren wirklich abzuschätzen seien. Dann sei es aber vermutlich zu spät dafür, das Rad zurückzudrehen. So könnte die Privatisierung weniger lukrative Bereiche der Unimedizin bedrohen.

Der Wissenschaftsrat hat die Voraussetzungen definiert, die die privatisierte Hochschulmedizin in Hessen erfüllen sollte, um auch in privater Regie den medizinischen Fakultäten dienen zu können. Dazu gehört die Stärkung des Dekans und eine Garantie des Landes für die Ausbildung der Studierenden.

Wie sieht eine zukunftsfähige Unimedizin aus? Für die Personalausstattung nennt der Wissenschaftsrat die Zahl von 60 Professoren, mit denen knapp 200 Studienanfänger pro Jahr ausgebildet werden können – „als absolute Untergrenze“, wie Einhäupl sagte. Stärkere Fakultäten müssten mehr als 80 Humanmediziner haben. Mindestens 1100 Planbetten müssten für die klinische Ausbildung bereitstehen, mindestens 850 davon im Klinikum der Hochschule angesiedelt sein. Nicht alle der 35 medizinischen Fakultäten in Deutschland erreichen diese notwendige Größe. Dazu gehört etwa die Fakultät in Greifswald, die unter 50 Professoren hat. Der Wissenschaftsrat empfiehlt deshalb „eine dringende Aufstockung“. Erschwert wurde die Analyse des Wissenschaftsrats durch den „katastrophalen Zustand“ der Medizinstatistik, wie Einhäupl sagte. Die 16 Bundesländer waren nicht in der Lage, vergleichbare Daten zu liefern.

Eine Fusion der Münchner Unimedizin empfiehlt der Wissenschaftsrat nicht. Fusionen verliefen oft so „irritierend“, dass sie die Wissenschaft jahrelang behindern könnten, sagte Einhäupl. Jedoch soll die Münchner Medizin eine Reihe von Reformen einleiten, um ihre Leistungskraft zu erhalten. Die Innenstadtkliniken sollen nach Großhadern verlagert werden, die beiden Unis sollen mit einem neuen Abstimmungsgremium ihre „kostentreibende Konkurrenz zugunsten einer Gesamtstrategie auflösen“.

Mehr im Internet unter:

www.wissenschaftsrat.de

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