Pro-Ana-Foren : Gefangen im Hunger-Netz

Magersucht ist eine Krankheit, die schlimmstenfalls zum Tode führt. Im Internet finden sich nichtsdestotrotz zahlreiche Foren, Blogs und Homepages in denen Pro Anas – so nennen sich die Magersüchtigen – ihre Krankheit ausleben.

Irja Most
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Besonders Mädchen und junge Frauen gehören zur Risikogruppe für Magersucht. -Foto: ddp

Ein pinkfarbener Stern markiert die 39,8 Kilogramm. Die rosa-lila Skala beginnt bei 53 und endet bei - neun Kilogramm. Darunter steht "13,2 kg abgenommen – noch 30,8 kg to go till the end". Mit diesem Diät-Ticker schmückt "Prayer" im Internet-Forum "Dying Angels – Engel haben keinen Hunger" ihre Einträge. Bei den "Pro Fighters" prangt auf der Startseite direkt neben einem BMI-Rechner: "Fighter mit dem niedrigsten BMI: Guardian Angel! Herzlichen Glückwunsch!".

Hinter diesen Online-Foren verbergen sich so genannte Pro Anas, wie sich Magersüchtige beziehungsweise an Anorexia Nervosa erkrankte nennen - und von sich selbst sagen, sie sind dazu übergegangen, ihre Essstörung zu akzeptieren und mit ihr zu leben, statt sie zu bekämpfen und zu therapieren. "Unser Forum wurde geschaffen für Menschen, die an einer Essstörung (…) leiden, aber für diesen Moment eine Heilung beziehungsweise Therapie nicht als primäres Ziel ansehen." So lautet die Erklärung in vielen Foren. Die Kurzform Ana nimmt dem komplizierten medizinischen Fachausdruck die Abstraktion - und wahrscheinlich den Schrecken. Denn Ana ist eine Freundin - die beste, die eine Pro Ana haben kann.

"Es gibt einen richtigen Hardcore-Bereich"

Die Bewegung Pro Ana entstand in den 1990er Jahren in den USA unter dem provokanten Slogan: Anorexie is a lifestyle - not a desease, zu deutsch: Magersucht ist ein Lebensstil - keine Krankheit. Seit Jahren verbreiteten sich solche Online-Gemeinschaften mit zahlreichen Foren auch im deutschsprachigen Internet aus. Die Anonymität und vor allem die Möglichkeit, heimlich virtuelle Communities zu bilden, abgeschirmt vor Kritik und Einfluss von Eltern, Freunden und Therapeuten, um die Sucht nach diszipliniertem Hungern, dünn sein, perfekt sein, weiter zu treiben.

Schlimmstenfalls bis "atte" - ana till the end - das heißt bis zum Tode oder zumindest an dessen gefährliche Grenze, wie es in einigen Hardcore-Foren zum Beispiel durch Abnehm-Wettbewerbe der Fall ist. "In unserem Ana und Mia Bereich wird nicht nur der übliche Stuff behandelt, es gibt einen richtigen Hardcore-Bereich wo sich unsere Mitglieder gegenseitig Aufgaben geben, sich Motivieren und Disziplin behallten!" "Für die, die es ab und zu mal ein bisschen härter brauchen, machen wir auch regelmäßig Diät-Wettbewerbe, wo unsere Mitglieder richtig angespornt werden", schreibt "Diamondangels" im eigenen Forum und wirbt damit auch auf verwandten Seiten.

"Dünn zu sein ist wichtiger, als gesund zu sein"

Auf vielen Webpages finden sich gleich einer postmodernen Sekte religiös anmutende Schriften. Die Zehn Gebote nach biblischem Vorbild legen strikte Regeln fest, an die sich Pro Anas halten sollen. Wer isst, soll sich schuldig fühlen, sich bestrafen lauten die Lebensregeln. Ein festes Korsett, das den Tagesablauf in Kalorienzählen, Hungern und Wiegen quetscht ohne Luft für andere Dinge und vor allem Probleme. Gebot Nummer eins: "Du sollst unsichtbar werden. Dafür musst Du dünner werden. Dünn zu sein ist wichtiger, als gesund zu sein". Oder Anas Psalm: "Meine Diät sei streng. Ich darf nicht wollen. Sie lässt mich hungrig zu Bett gehen" sowie ein Ana Glaubensbekenntnis: "Ich glaube an die Errettung, in dem ich heute härter an mir arbeite als gestern".

Der "Brief von Ana" mutet wie eine Art Manifest an. Das Schreiben richtet sich persönlich an die Leserin. In dem Brief stellt sich die Magersucht als gute Freundin Ana vor, die es besser weiß. Als eine Art böses Alter Ego, das Macht und Kontrolle hat und Unsicheren zeigt, wo es lang geht. Ana erklärt in dem Brief, dass der Schlüssel zum Glück, schlank bis auf die Knochen heißt. Alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit und Hörigkeit – wenn Du jemanden etwas erzählst oder versuchst, mich zu bekämpfen, "wird die Hölle los sein".

Auf vielen Webpages finden sich gleich einer postmodernen Sekte religiös anmutende Schriften. Die Zehn Gebote nach biblischem Vorbild legen strikte Regeln fest, an die sich Pro Anas halten sollen. Wer isst, soll sich schuldig fühlen, sich bestrafen lauten die Lebensregeln. Ein festes Korsett, das den Tagesablauf in Kalorienzählen, Hungern und Wiegen quetscht ohne Luft für andere Dinge und vor allem Probleme. Gebot Nummer eins: "Du sollst unsichtbar werden. Dafür musst Du dünner werden. Dünn zu sein ist wichtiger, als gesund zu sein". Oder Anas Psalm: "Meine Diät sei streng. Ich darf nicht wollen. Sie lässt mich hungrig zu Bett gehen" sowie ein Ana Glaubensbekenntnis: "Ich glaube an die Errettung, in dem ich heute härter an mir arbeite als gestern".

Der "Brief von Ana" mutet wie eine Art Manifest an. Das Schreiben richtet sich persönlich an die Leserin. In dem Brief stellt sich die Magersucht als gute Freundin Ana vor, die es besser weiß. Als eine Art böses Alter Ego, das Macht und Kontrolle hat und Unsicheren zeigt, wo es lang geht. Ana erklärt in dem Brief, dass der Schlüssel zum Glück, schlank bis auf die Knochen heißt. Alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit und Hörigkeit – wenn Du jemanden etwas erzählst oder versuchst, mich zu bekämpfen, "wird die Hölle los sein".

Zudem gibt es Tipps, um den BMI weiter zu senken und noch mehr Gewicht zu verlieren durch Safe Food wie Früchten und Obst, Maßnahmen gegen das Hungergefühl, Kotz-Tipps, Medikamenten-Empfehlungen und wie man am besten die Krankheit vor Familie und Freunden verheimlicht. Viele suchen auf diesen Seiten nach Thin Twins, jemanden mit dem man gemeinsam erfolgreich weiter abnimmt, nach dem Motto zu zweit geht alles leichter.

Kritik unerwünscht

Eingefleischte Pro Anas aus der Online-Szene verteidigen ihre Foren gegenüber Kritik von Mitmenschen, die zufällig auf diese Seiten stoßen, und Medien. Sie sehen die Internet-Foren als eine Möglichkeit, sich über ihre Probleme auszutauschen. Viele lehnen Anas Gebote und Co als Quatsch-Import aus den USA ab. Sie verweisen auf ihren Seiten ausdrücklich darauf, dass sie Magersucht als schwere Krankheit betrachten und nicht als Lifestyle und sie niemanden dazu anstiften wollen. Die warnenden und erklärenden Texte sind allerdings standardisiert und finden sich auf den verschiedenen Seiten fast im gleichen Wortlaut.

Es klingt wie eine Art Schutzbehauptung, von Kranken, die sich ihre Krankheit nicht eingestehen und nur wiederholen, was ihrer Ansicht nach von ihnen erwartet wird. Auf den Seiten finden sich nur in den seltensten Einzelfällen Links für Aussteiger oder Therapieangebote. Der Inhalt der Foren präsentiert sich demgegenüber kritiklos und besetzt das Thema Magersucht durchweg positiv. Nicht-Essgestörte werden sehr deutlich angewiesen, die Seite wieder zu verlassen. "Dies ist ein Pro-Ana/Mia Forum. Falls Du nicht weißt was Ana/Mia bedeutet beziehungsweise wenn du Contra bist, oder Dich nicht damit identifizieren kannst, bitte ich Dich dieses Forum wieder zu verlassen."

Experten sehen den Austausch im Internet gespalten. Generell positiv ist nach den Erfahrungen von Magersucht.de, dass sich über dieses Medium Betroffene auch anonym miteinander austauschen können im Sinne einer Selbsthilfe. Pro-Ana-Foren sehen sie hingegen als deutlich negativ: "Dort bestärken sich Betroffene mit Tipps und Tricks in ihrer Krankheit. Diese 'offenen' Foren verstärken die soziale Isolation und verschlimmern den Krankheitsverlauf." Zu diesem Fazit kommen auch Dr. Christiane Eichenberg und Prof. Elmar Brähler von der Universität zu Köln: "Der Selbsthilfeaspekt der Pro-Ana-Webseiten wird dadurch untergraben, wenn die Symptome der Essstörung beibehalten, gefördert und sogar zum Identitätsmerkmal erhöht werden."

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr?

Nach Medienberichten beklagen viele Anhänger der Pro-Ana-Szene einen Ansturm von Wannabes beziehungsweise Wannarexies auf ihre Foren. Sehr junge Mädchen scheinen in besonderem Maße davon fasziniert zu sein oder hoffen auf eine schnell wirksame Diät. Verlässliche empirische Daten fehlen noch für das Pro-Ana-Phänomen. Doch bei ähnlichen problematischen Selbsthilfeseiten wie Suizidforen ergaben empirische Studien, dass "Ansteckeungs- und Triggereffekte" nicht bestehen. "Insgesamt kann das Gefährdungspotential für unbeteiligte Dritte als gering eingestuft werden; aus klinischer Sicht ist es unwahrscheinlich, dass Menschen suizidal und essgestört 'gemacht werden'", berichten Eichenberg und Brähler.

Den Rückzug in geschlossene Foren begründen Pro Anas vielfach mit dem Unverständnis von gesunden Menschen, die in der Anonymität des Internets teils mit rüden Beleidigungen reagieren. Mittlerweile finden sich auch einige Anti-Pro-Ana-Seiten im Netz. Pro Anas scheinen darüber nicht sehr erbaut zu sein: "Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch so gegen Ana stellt. Ana hilft so vielen Mädchen, die Probleme mit ihrer Figur haben! Sie ist eine Bereicherung für das Leben mancher Leute…Stellt keine Seiten mehr auf, die sich gegen Ana richten", schreibt "Ana in love" empört auf "Anti Pro Ana".

Jugendschutz kämpft gegen Pro-Ana-Foren

Die Politik ist inzwischen ebenfalls auf das Problem der Internet-Foren aufmerksam geworden und hat den Jugendschutz in diese Richtung ausgeweitet. Jugendschutz.net, eine Organisation, die dafür sorgt, dass Seiten mit gefährlichen und rechtswidrigen Inhalten geändert oder gelöscht werden, ist die Problematik der Magersucht-Foren nur zu gut bekannt. Im Jahr 2006/2007 führte die Initiative eine umfassende Recherche durch, da gerade für Jugendliche in der Pubertät, die in dieser schwierigen Phase häufig mit ihrem Selbst- und Körperbild hadern, eine besondere Jugendschutzrelevanz besteht. Über 270 Webseiten wurden überprüft und ganze 80 Prozent waren davon problematisch oder unzulässig. In über 70 Prozent der Fälle konnte jugendschutz.net erfolgreich gegen die Internet-Auftritte vorgehen und eine Änderung im Sinne des Jugendschutzes erwirken.

Da ständig neue bedenkliche Angebote im WWW entstehen ist jugendschutz.net auch auf die Hilfe von Internet-Nutzern angewiesen. Dei Initiative bittet darum, Pro-Ana-Angebote jugendschutz.net zu melden an die Hotline oder über das Onlineformular auf der hauseigenen Homepage. Jugendschutz.net prüft dann die Angebote und geht gegen unzulässige Webseiten vor.

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