Gesundheit : PRO & CONTRA: Student for President

MICHAEL GRAF[DANIEL APELT]

PRO

Das Berliner Hochschulgesetz ermöglicht es jedem Mitglied der Hochschule, Vizepräsident derselben zu werden.Um diese bundesdeutsche Einmaligkeit erstmalig auch auszufüllen, ist der Student Andreas Biesenthal zur Wahl der Vizepräsidenten und Vizepräsidentinnen angetreten.

Im Rahmen der Erprobungsklausel in Berlin sollen und werden auch neue Leitungsstrukturen diskutiert, erprobt und evaluiert.Als Vorbild werden von vielen die Leitungs- und Entscheidungsstrukturen in der Wirtschaft betrachtet.In der Wirtschaft ist es jedoch gang und gäbe, daß auch fähige und engagierte junge Menschen in Führungspositionen aufsteigen können.Dieser Fakt wird geflissentlich von den Befürwortern und Befürworterinnen der Einführung von Effizienz- und Leistungskriterien in die Hochschulorganisation übergangen.Eine ständische, professoral dominierte Hochschule wird diesen Kriterien jedoch nicht gerecht.

Einerseits wird die Politikverdrossenheit und das fehlende Engagement besonders der Studierenden beklagt.Andererseits werden Widerstände gegen einen hochqualifizierten und engagierten Kandidaten lediglich aufgrund von dessen Status als Studierender aufgebaut.Unter Demokratiegesichtspunkten scheint jedoch eine verantwortungsvolle Partizipation von Studierenden an der akademischen Selbstverwaltung wünschenswert.

Die Idee eines studentischen Vizepräsidenten sehen wir durchaus auch in der Tradition von Wilhelm von Humboldt.Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde von ihm die heutige Humboldt-Universität als eine Universität neuen Typs gegründet und damit die Entwicklung der Hochschulen in aller Welt beeinflußt.

Das Tabu eines nichtprofessoralen Vizepräsidenten beziehungsweise einer nichtprofessoralen Vizepräsidentin wurde an der Humboldt-Universität bereits von 1992 bis 1996 durch eine Vizepräsidentin aus dem wissenschaftlichen Mittelbau gebrochen.Die damalige Vizepräsidentin sah ihre Arbeit aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit nicht eingeschränkt.Darüber hinaus wurde die Kommunikation entscheidend verbessert, ein Ansatz für Teamarbeit über Gruppengrenzen hinaus wurde geschaffen.

Eine Anknüpfung an diesen Ansatz scheint in Zeiten der permanenten Strukturkrise angebracht.Studierende sind im geringeren Maße Partikularinteressen verpflichtet, da sie zeitlich begrenzt den Status Student haben und weniger an die Interessen von Fachbereichen gebunden sind.Im übrigen ist die Debatte über einen studentischen Vizepräsidenten verkürzt, wenn sie sich nur auf dessen Status und nicht auf die Kompetenzen des Kandidaten bezieht.

Der heute im Konzil der HU zur Wahl stehende Kandidat Andreas Biesenthal hat durch seine Tätigkeit sowohl in der studentischen (Referent für Soziales, Wahlvorstand) als auch in der akademischen Selbstverwaltung (Kuratorium, Kommission für Lehre und Studium) Erfahrungen gesammelt und seine Kompetenzen bewiesen.Dies wurde vom Akademischen Senat durch die sehr positive Aufnahme seiner Kandidatur und der daraus folgenden Nominierung auch seitens der Professsoren und Professorinnen honoriert.

Der Arbeitsschwerpunkt des Kandidaten soll das Aufgabengebiet Lehre und Studium sein.Ein Zusammenwirken zwischen Lehrenden und Lernenden, das für die zahlreichen anstehenden Reformen unabdingbar ist, würde dadurch verbessert werden.

Die Wahl eines studentischen Vizepräsidenten wäre ein Zeichen, daß innerhalb der Hochschulen die Bereitschaft besteht, auf institutioneller Ebene Voraussetzungen für weitergehende Reformen zu schaffen.Mit dieser Wahl würde die Humboldt-Universität an ihre Tradition als experimentierfreudige und progessive Hochschule anknüpfen.

Die Autoren studieren Jura und Volkswirtschaftslehre beziehungsweise Informatik und sind Mitglieder des ReferentInnenRat der Humboldt-Universität Berlin.

KONTRA

VON GEORGE TURNER

Studenten sind unverzichtbarer Teil der Universität.Zahlenmäßig machen sie die überwiegende Mehrheit der Universitätsmitglieder aus.Wenn wir von Zukunftssicherung reden, ist die in der Ausbildung befindliche Generation ein Aktivposten; im übrigen soll bereits an der Universität "Demokratie eingeübt" werden.Warum also die Aufregung über den Vorschlag, einen Studenten zum weiteren Vizepräsidenten an der Humboldt-Universität zu wählen?

Studierende können im Einzelfall für ein solches Amt unter Umständen bessere Voraussetzungen, wie Talent und politisches Geschick, mitbringen als ein altgedienter Professor.Schließlich sind sie wählbar als Mandatsträger in Bund, Ländern und Gemeinden.Im speziellen Fall der Hochschulen muß man allerdings berücksichtigen, daß die studentische Interessenvertretung durch die Studentenschaft erfolgt.

Es bedeutet einen Widerspruch zu dem stets verkündeten Ziel der Hochschulpolitik, Maßnahmen zur Verkürzung der Studienzeiten zu treffen, wenn ein Kandidat vier Semester für die Wahrnehmung eines Amtes als Vizepräsident einsetzt.Damit ist es auch ein "strukturelles" Problem, inwieweit diejenigen, die sich auf dem Weg zu einem beruflichen Abschluß befinden, zugleich eine quasi-leitende Funktion für die Gesamtinstitution ausüben können.Niemand kommt wohl auf die Idee, einen Auszubildenden zur Wahrnehmung der Belange dieser Gruppe in den Vorstand eines Unternehmens zu berufen.Universitäten sollen doch nach mittlerweile verbreiteten Erkenntnissen "im Prinzip" wie Unternehmen geführt werden.

Die Väter - oder Mütter - des Gesetzes in rot-grünen Zeiten haben die jetzt erschlossene Möglichkeit offenbar bewußt geschaffen; bei der Novellierung hat man diese "Lücke" übersehen.Wenn man die Universitäten "in die Freiheit entläßt" - und die Freistellung von einer Reihe von Bestimmungen des Hochschulgesetzes ist eine Umsetzung jener Forderung des Bundespräsidenten, die er im Herbst letzten Jahres vor den Berliner Universitäten erhoben hat -, dann muß auch ein gewisses Maß an Narrenfreiheit in Kauf genommen werden.

Das Problem liegt vor allem in der (politischen) Wirkung.Diese allerdings wäre gerade für Berlin nicht eben positiv, wenn ein Student Vizepräsident einer Universität würde.Das hängt wesentlich mit der belasteten und belastenden Geschichte der Berliner Universitätsreform zusammen.Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre hat man an der Freien Universität und der Technischen Universität die Präsidialverfassung eingeführt.Die allgemeine Erwartung bei Übernahme des Prinzips einer für längere Zeit hauptamtlichen Leitung einer Universität war, daß sich neben Professoren erfahrene Manager oder Politiker für das Amt zur Verfügung stellen würden, so wie man es aus den USA kannte.Auch wenn das der Fall gewesen wäre - sie wurden prinzipiell nicht gewählt, weil der Gesetzgeber die Regelung einer Drittel- bzw.Viertelparität zugleich ins Gesetz nahm.Die Folge waren die Wahlen von Angehörigen des Mittelbaus in die Ämter der Präsidenten.Abhängigkeiten von Gruppen, Konzessionen an Parteigänger, unbedarfte "Berater", unüberlegte Entscheidungen waren die Regel und an der Tagesordnung - Erscheinungen, die es selbstverständlich auch bei Amtsinhabern anderer Art geben kann und gibt.Entscheidend aber war der Imageschaden.Alles, was nicht in Berlin funktionierte, wurde auf das Konto Gruppenuniversität, Drittelparität und "Assistenzpräsidenten" gebucht.Die Wirkung nach außen und auch im Inneren war zum Teil verheerend.

Nun kann die Wahl eines Studenten zu einem von mehreren Vizepräsidenten mit der geschilderten Situation nicht gleichgesetzt werden.Aber eine solche Wahl wäre ein Signal.Die einen werden es als Zeichen des Fortschritts sehen, die anderen als Rückfall in alte Berliner Verhältnisse.Zwar ist die Humboldt-Universität nicht durch die 68er Verhältnisse und ihre Folgen belastet.Sie jetzt aber in den Kreis derjenigen holen zu wollen, die durch überzogene Formen der Partizipation das Ansehen der deutschen Universitäten nachhaltig geschädigt haben, ist kontraproduktiv zu dem Bemühen, die HU als Spitzen- oder Eliteeinrichtung zu erklären.

Der Autor war Universitätspräsident, Präsident der Rektorenkonferenz und (parteiloser) Senator für Wissenschaft und Forschung.

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