PROF. HEINZ analysiert : Zwangsjacken sind out

Anders als es uns Film und Fernsehen vor Augen führen, sind Zwangsjacken in einer Psychiatrie nur selten nötig. Durchschnittlich bleiben die Patienten nur 19 Tage - auch stationäre Aufnahmen sind eher selten.

Andreas Heinz

Gegenüber der Psychiatrie gibt es viele Vorurteile und Missverständnisse, Schuld daran haben vermutlich auch Film und Fernsehen. Immer wieder sieht man dort Menschen, die in Zwangsjacken abgeführt werden oder jahrelang in psychiatrischen Anstalten liegen. Auch Spontanheilungen sind ein beliebtes Motiv. Zu ihnen kommt es, wenn die Protagonisten mit der Realität konfrontiert werden. Leider passiert das nur bei Filmhelden.

Der Alltag in psychiatrischen Kliniken sieht heute anders aus, als ihn sich Drehbuchautoren vorstellen. In den 80er Jahren gab es große Reformen, Langzeiteinrichtungen wurden aufgelöst, die Bettenzahl in Berlin halbiert. Die durchschnittliche Liegezeit beträgt jetzt 19 Tage, die stationäre Unterbringung ist eine akute Krisenintervention. Der Irrglaube, die Psychiatrie sei eine Institution, aus der man nie wieder rauskommt, ist trotzdem ebenso weit verbreitet wie die Vorstellung von geschlossenen Heimen. Die gibt es heute in Berlin nicht mehr. Bei uns in der Klinik werden die Türen weitestgehend offengehalten. Das nimmt den Patienten das Gefühl des Eingesperrtseins, dadurch verlassen weniger Menschen heimlich die Station. Noch vor zehn Jahren wurden Männer und Frauen getrennt voneinander untergebracht. Das hat sich mittlerweile geändert und ist vor allem für die männlichen Patienten von Vorteil: Sie nehmen sich stärker zusammen, lassen sich seltener gehen. Der Altersdurchschnitt derer, die unsere Hilfe suchen, liegt bei 45 Jahren. Wir behandeln zum Beispiel Menschen mit Psychosen, Depressionen, Alzheimer- und Demenzerkrankungen. Eine Zunahme verzeichnen wir bei jungen Frauen, die mit Borderline-Störungen zu uns kommen und sich selbst verletzen.

Etwa alle zwei Jahre verlieren wir einen Mitarbeiter, der von Patienten angegriffen und verletzt wird – und danach nicht mehr in der Psychiatrie arbeiten will. Erst vor kurzem ging eine Kollegin, die von einem Mann heftig attackiert worden war. Er litt unter Wahnvorstellungen und glaubte, der Teufel sei in sie gefahren. Als die Psychose vorbei war, tat es ihm furchtbar leid. Wie schützt man sich und andere Patienten in solchen Situationen? Zum Beispiel, indem man den Betroffenen fixiert und ihn – gegebenenfalls medikamentös – ruhigstellt. Eine solche Maßnahme muss jedoch innerhalb kürzester Zeit richterlich genehmigt werden. Zum Glück kommt es nur selten zu derartigen Eskalationen. 900 Patienten behandeln wir pro Jahr, etwa zehn müssen kurzfristig fixiert werden. Zwangsjacken gibt es, anders als in Filmen immer wieder zu sehen, heute gar nicht mehr.

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