Prof. Tsokos ermittelt : Auf der Suche nach Vermissten

Der Leiter der Berliner Rechtsmedizin über seine Erfahrungen bei der Obduktion von Tsunami-Opfern.

Michael Tsokos

Vor knapp fünf Jahren, zu Weihnachten 2004, flog ich mit einem deutschen Team nach Thailand, um bei der Identifizierung von Opfern des Tsunamis zu helfen. Was wir sahen, war apokalyptisch, Entlang des Strandes lagen tausende Tote, die Helfer kamen nicht hinterher, sie zu den Sammelstellen zu bringen. Rechtsmediziner obduzierten die Leichen an provisorischen Obduktionstischen. Überall lag Trockeneis, um die Opfer zu kühlen und den Fäulnisprozess zu verlangsamen, denn die Sonne glühte erbarmungslos. In den insgesamt drei Wochen, die ich in Khao Lak war, obduzierte ich selbst 160 Tote. Wir arbeiteten täglich 16 Stunden. In Südostasien starben damals etwa 300 000 Menschen.

Die Bilder, die vor zwei Wochen vom Tsunami auf Samoa zu sehen waren, erinnerten stark an die von 2004, auch wenn es diesmal zum Glück weitaus weniger Opfer gab. Weil sie aus verschiedenen Ländern stammten, wurde damals zum ersten Mal überhaupt eine multinationale Identifizierungskommission initiiert. Sie setzte sich aus Teams verschiedener Nationen zusammen. Die Kartei des Bundeskriminalamtes führt etwa 30 bis 40 Rechtsmediziner aus Deutschland, die sich für solche Einsätze freiwillig zur Verfügung stellen. Unsere Aufgabe bestand damals unter anderem darin, äußerliche Charakteristika wie Narben, Ohrlöcher, Piercings oder Tätowierungen zu erfassen. Das war nicht einfach, denn die Hitze verfärbte die Haut der Verunglückten schwarz, die Körper blähten durch Fäulnisgase auf - man konnte nach zwei Tagen nicht einmal mehr unterscheiden, ob es sich bei den Opfern um Asiaten oder Europäer handelt. Die von uns erhobenen Daten wurden in ein Computersystem von Interpol eingespeist. Gleichzeitig waren in den Heimatländern der Vermissten die Mordkommissionen damit beschäftigt, bei den Angehörigen persönliche Gegenstände auf DNA-Spuren zu untersuchen oder bei behandelnden Ärzten und Zahnärzten weitere Informationen einzuholen. All diese Daten wurden ebenfalls an Interpol weitergeleitet und auf Übereinstimmungen abgeglichen. Die Identifizierungsquote des deutschen Teams lag bei 97 Prozent.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Zahnarzt, der vier Tage nach der Katastrophe aus Deutschland angereist war. Er wollte seinen besten Freund suchen, der vermisst wurde. Mehrere Tage lief der Zahnarzt die Leichensammelstellen ab, begutachtete die Zähne von fast 5000 Toten. Am Ende identifizierte er seinen Freund tatsächlich.

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