Prof. Tsokos ermittelt : Falsche Opfer

Der Leiter der Berliner Rechtsmedizin über einen außergewöhnlichen Fall, in dem es zu eindeutige Spuren gab.

Michael Tsokos

Die Frau, die sich Ende letzten Jahres mit Kratzspuren und Hämatomen in ein Berliner Krankenhaus begab, war auf den ersten Blick in einem schlimmen Zustand. Vorne in ihrem T-Shirt waren große Löcher, die Hose war im Schritt aufgerissen. Am Hinterkopf hatte sie eine Schürfwunde, und ihr fehlten büschelweise Haare; Oberkörper und Beine waren mit Kratzern übersäht. Die 33-Jährige gab an, überfallen worden zu sein: Zwei Männer hätten sie im Treppenhaus ihres Wohnhauses überwältigt, ihr knapp 300 Euro aus der Tasche entwendet und sie in den Keller geschleppt. Dort habe sie mehrere Tage gelegen, an Händen und Füßen gefesselt, ohne Nahrung. Zwei Nachbarn hätten sie schließlich befreit.

So dramatisch diese Geschichte klang – sie stimmte nicht. Die Frau hatte sich die Verletzungen offensichtlich selbst zugefügt. Sie waren nur sehr oberflächlich, verliefen parallel und befanden sich an leicht erreichbaren, schmerzunempfindlichen Stellen. Die Blutuntersuchung bestätigte unsere Annahme. Wenn die Patientin tatsächlich mehrere Tage ohne Essen und Trinken zugebracht hätte, wäre eine Elektrolytstörung als Zeichen einer Dehydrierung festgestellt worden.

Dass sich Menschen selbst verletzen, um Straftaten vorzutäuschen, kommt nicht selten vor. Kürzlich untersuchten wir einen Afrikaner, der vorgab, von Neonazis angegriffen worden zu sein. Der Grund war schnell klar: Laut Gesetz dürfen Opfer von rechtsextremen Übergriffen nicht voreilig abgeschoben werden. Und in Sachsen wurde gerade Anklage gegen eine 18-Jährige erhoben, der vier Männer ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt haben sollen. Die Schnitte, die sie auf Fotos zeigte, waren aber viel zu gleichmäßig und oberflächlich, als dass sie ihr ein Fremder zugefügt haben könnte. Dennoch: Die meisten Verletzten, die bei uns untersucht werden, sind tatsächlich Opfer einer Straftat geworden – und sie müssen auch keine Angst haben, dass man ihnen nicht glaubt.

Wenn wir „falsche Opfer“ mit unserer Beurteilung konfrontieren, geben sie die Falschaussage meist zu. So auch die Frau aus dem Berliner Krankenhaus.

Sie gestand, dass sie sich bei der Tat von einem Fall ihrer Lieblingsserie „CSI“ inspirieren ließ.

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