PROF. TSOKOS ermittelt : Stauffenbergs Knochen

Aus dem Alltag eines Rechtsmediziners

Michael Tsokos

Der Briefumschlag erreichte uns per Post. Er war auffällig dick und augenscheinlich von einer weiblichen Privatperson abgeschickt worden. Beim Öffnen fiel eine getragene Herrenunterhose heraus. Im beigefügten Schreiben bat uns die Absenderin, den Slip auf Spermaspuren zu untersuchen. Es handelte sich um ein Exemplar ihres Ehemannes, den sie schon seit Wochen des Ehebruchs verdächtigte. Nun sollten wir per Spurensicherung Beweise liefern. Dieser Bitte konnten wir nicht entsprechen, denn die Rechtsmedizin wird nur tätig, wenn ein solcher Auftrag über die Ermittlungsbehörden ergeht.

Das hält aufmerksame Mitmenschen aber nicht davon ab, uns auf vermeintliche Verbrechen hinzuweisen. Seit dem Erfolg von TV-Serien wie „Die Gerichtsmedizinerin“ oder „Der letzte Zeuge“ ist bei vielen offensichtlich der kriminalistische Spürsinn ausgeprägter geworden. Das hat zur Folge, dass uns Woche für Woche ungefragt „Beweisstücke“ geliefert werden. Erst kürzlich erreichte uns ein Päckchen mit einem schwarzen, knapp drei Zentimeter langen, undefinierbaren Gegenstand. Es war der Absenderin bei einem Spaziergang im Bendlerblock aufgefallen. Sie schickte es uns in der Annahme, es könne sich um Überreste – womöglich des Großzehs – des an dieser Stelle hingerichteten Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg handeln. Tatsächlich war es lediglich ein Schlackerest. Einer optischen Täuschung erlag auch der Mann, der uns eine vermeintliche abgetrennte Brustwarze mit Vorhofgewebe schickte. Das Corpus delicti entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als vertrockneter Rest einer Zitronenhälfte.

Im Gegensatz dazu war der Fund eines anderen Hobbykriminalisten geradezu spektakulär. Er schickte uns eine Lunge mit dazugehöriger Luftröhre, die er in einem Straßengraben gefunden hatte. Aber auch hier gab es von unserer Seite aus Entwarnung: Die Lunge stammte von einem Schwan. Tierische Organe erhalten wir häufig. Meist handelt es sich um Überreste, die nach Schlachtungen illegal entsorgt werden. Ein Klassiker sind auch kleine Aliens aus Gummi, die vor allem zu Halloween zum Einsatz kommen. Wir erhalten die verdreckten Exemplare, weil jemand sie gefunden und für einen Embryo gehalten hat. Doch nicht immer muss es sich um Spielzeug handeln. Einst forderte die Staatsanwaltschaft unsere Unterstützung bei einem Fund an, den ein Passant in einer Toreinfahrt gemacht hatte: Wie sich herausstellte, hatte eine Frau dort tatsächlich eine Fehlgeburt erlitten.

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