Gesundheit : Professoren sollen eigenen Schülern jahrelang Stipendien zugeschanzt haben

Anja Kühne

Professoren wünschen ihren Absolventen nur das Beste: am liebsten ein schönes Stipendium, mit dem der Nachwuchs sich ein paar weitere Jahre an der Uni über Wasser halten kann. Doch was, wenn es viel zu wenig Stipendien für viel zu viele Bewerber gibt? An der Hochschule der Künste (HdK) soll sich ein Teil der Professorenschaft seit Jahren auf eine besondere Art um seine Schüler kümmern: Er lasse sich in die Kommission wählen, deren Aufgabe es ist, im Auftrag des Berliner Senats die Nachwuchsförderungs-(Nafög-)Stipendiaten auszusuchen. Hier würden die eigenen Kandidaten dann entweder durch hartes Argumentieren durchgesetzt oder aber nach dem Motto: "Lässt du meinen Schüler durch, lass ich deinen durch." Dies sei an der Kunsthochschule ein offenes Geheimnis, meinen Kritiker.

In der vergangenen Woche kam es nun zum Eklat: Die Bewerberin Sabine Nolden konfrontierte die Auswahlkommission öffentlich mit den Vorwürfen und zog gleich darauf ihre Bewerbung zurück. Noch am gleichen Tag quittierte die Professorin Inge Mahn ihren ersten Dienst in der Kommission: "Ich dachte, die Bewerberin hätte übertrieben, aber es geht den Professoren wirklich nur darum, recht viele eigene Leute durchzubringen und nicht um Qualität", sagte Mahn. Unter diesen Umständen könne sie ihren Studierenden nicht mehr glaubwürdig gegenübertreten. Inge Mahn kommt von der Kunsthochschule Weißensee und wäre damit eins der beiden Kommissionsmitglieder gewesen, die nicht von der HdK sind. Insgesamt gehören der Kommission sechs Professoren an, die pro Halbjahr in der Regel sechs Stipendien vergeben.

"Den Studenten schwer geschadet"

Der Vorsitzende der in dieser Zusammensetzung neuen Nafög-Kommission, der HdK-Professor Dieter Hacker, reagierte auf Inge Mahns Ausstieg erstaunt: "Als Kritiker des bisherigen Verfahrens habe ich mich im Vorfeld extra dafür stark gemacht, dass es diesmal über die Bewerber zum Schluss eine geheime Abstimmung geben muss. Ich habe gleich gesagt, ich gehe nur in die Kommission, wenn sich die Prüfungsmodalitäten ändern", sagte Hacker. Dieser Vorschlag habe Mahn damals gefallen, und er sei mit der geheimen Schlussabstimmung auch in die Tat umgesetzt worden. Hacker räumte ein, dass die Kandidaten der Kommissionsmitglieder selbst bei geheimer Schlussabstimmung bessere Chancen haben. "Deswegen hat Frau Mahn ihren Leuten schwer geschadet. Von den vielen guten Weißenseeern, die in der Vorauswahl waren, ist jetzt keiner durchgekommen." Auch Jury-Mitglied Leiko Ikemura meint, die geheime Abstimmung in dieser Runde habe für Fairness gesorgt: "Es ist sehr problematisch, wie diese Studentin uns für die Arbeit anderer Kommissionen verantwortlich macht."

Doch Sabine Nolden, die ihre Bewerbung zurückgezogen hat, hält auch die jetzige Schlussrunde für eine Farce. Tatsächlich sind wieder auffällig viele Schüler von Jury-Mitgliedern in den Genuss des Stipendiums gekommen: 45 Absolventen von 25 verschiedenen Professoren haben sich beworben. Aber drei der sechs Stipendien gehen an die Schüler von Dieter Hacker, Leiko Ikemura und Lothar Baumgarten, alles Professoren, die in der Kommission saßen. Zwei weitere Stipendien gingen an Bewerber aus dem Bereich "Experimentelle Filmgestaltung". Ihr Professor saß zwar nicht in der Kommission, dafür aber einer, der das Fachgebiet dort massiv vertreten haben könnte, wie Sabine Nolden vermutet, nämlich Carlos Bustamante, Professor mit dem Fachgebiet Audiovisuelle Gestaltungstheorie. Demnach wäre nur ein einziges Stipendium in ein Gebiet vergeben worden, für das kein Professor in der Jury anwesend war. Nolding geht sogar davon aus, dass in der Vergangenheit immer wieder Schüler von Jury-Mitgliedern kurz vor ihrer Bewerbung die Klassen gewechselt haben, um die Begünstigung zu vertuschen. Bustamante kann Noldens Vorwürfe nicht nachvollziehen: "Aber ich kann verstehen, dass sie enttäuscht ist, weil sie in der Vergaberunde vor einem Semester kein Stipendium bekommen hat."

Auffällig viele gute Schüler

Auch in den Vergaberunden der vergangenen Jahre hatten jedesmal zwischen zwei und vier der erfolgreichen Kandidaten ihren Professor in der Kommission. Das damalige Jury-Mitglied Michael Schoenholtz nennt die Zahlen geringfügig: "Zumal sich ja viele gar nicht bewerben, wenn der eigene Professor nicht drin ist." Hier müsse erst wieder neues Zutrauen aufgebaut werden. Besonders auffällig ist der große Erfolg der Schüler der HdK-Professorin und international bekannten Künstlerin Rebecca Horn: Pro Vergaberunde erhielten während Horns Amtszeit in der Jury vom Oktober 97 bis zum September 99 je zwei ihrer Leute das Stipendium, insgesamt sechs.

Rebecca Horn war zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen. Ihr Kollege Hacker verteidigte sie aber damit, Horn habe bestimmt sehr gute Studenten. Außerdem hätten ihre Kandidaten deshalb besonders gute Chancen, weil sie sich mit Arbeiten aus dem innovativen Multi-Media-Bereich bewerben. Auch Carlos Bustamante, der bereits in der Kommission mit Rebecca Horn saß, nahm sie in Schutz: "Ich kann mich nicht erinnern, dass überhaupt Kollegen ihre eigenen Leute jemals versucht haben durchzuboxen. Gerade an Frau Horn hat mich immer ihre Zurückhaltung und Ehrlichkeit sehr beeindruckt." Es habe sogar zwei Fälle gegeben, wo die übrigen Kommissionsmitglieder Frau Horn von ihren eigenen Schülern hätten überzeugen müssen.

Doch sieht es so aus, als hätten Horns Schüler vor und nach ihrer Amtszeit in der Jury deutlich weniger Erfolg gehabt - dies lässt sich aber nur an vier Vergaberunden wirklich belegen, weil die HdK keine Listen führt, in denen die Stipendiaten, ihre Professoren und die Kommissionsmitglieder für alle nachvollziehbar aufgeführt sind. Fest steht aber, dass in der Runde im Juni 95 vier von sechs Stipendien an Schüler von Jury-Mitgliedern gingen, wovon wiederum drei bei dem damaligen Kommissionsmitglied Katharina Sieverding studierten.

Inge Mahn von der Kunsthochschule Weißensee und viele Professoren, die selbst Jury-Mitglied waren, glauben, dass eine gerechtere Auswahl nur möglich ist, wenn die Kommission nicht aus den Hochschulen kommt, deren Stipendiaten sich bewerben. Dieter Hacker kann sich dagegen nicht vorstellen, dass Leute von außerhalb überhaupt bereit wären, 45 Arbeiten pro Semester zu sichten. Auch studentische Beisitzer in der Kommission lehnt er ab: "Unter denen herrscht ein enormes Konkurrenzverhältnis, die sind um keinen Deut besser, da wird dann genauso gemauschelt und geschoben."Es sei nun einmal so, dass die Jury-Mitglieder die Kunstauffassung ihrer eigenen Schüler am besten vertreten könnten.

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