Gesundheit : Professoren und Studenten schreiben, wie sie wollen

Tom Heithoff

Ganz Ruhig. Von Rechtschreib-Panik ist an den Berliner Universitäten nichts zu spüren. Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung hat bislang weder Lehrende noch Lernende in blinden Aktionismus gestürzt. Auch die Uni-Verwaltungen sehen dem neuen Deutsch mit ziemlicher Gelassenheit entgegen. Das heißt natürlich nicht, dass man sich einen Dreck um die Einführung der neuen Regelungen scheren würde. Aber etwas behäbig hinkt die Uni anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie der Schule oder Verwaltung, hinterher. Vielen Hochschullehrern ist die Reform sowieso ein Dorn im Auge; nicht nur, weil sie aus Alters- oder Gewohnheitsgründen die Umstellung ablehnen. Besonders unter den Sprachwissenschaftlern ist eine wissenschaftlich begründete Skepsis weit verbreitet. Dennoch die Frage: Wie weit sind die drei Berliner Universitäten?

Reform wird vorerst nicht angewandt

"Hier sind wir noch in einem Zwischenzustand", sagt Gerhard Bauer zum Stand der Dinge in seinem Fach, der Germanistik an der Freien Universität. "Einzelne Kollegen, Sekretärinnen und einzelne Kommilitonen sind auf eigene Faust dazu übergegangen." Es fehle noch ein Entschluss der gesamten Universität, des Fachbereichs und auch des Germanistischen Instituts. Die Computer der Mitarbeiter seien zudem noch nicht mit den neuen Rechtschreibprogrammen ausgerüstet, und deshalb werde er die Neuregelung vorerst nicht anwenden. Und die Studierenden, Examinanden und Doktoranden? Müssen sie ihre angefangenen Arbeiten etwa überarbeiten? Sie können sich beruhigt zurücklehnen. Niemand muss seine liebevoll gesetzten "ß"-Buchstaben in "ss" verwandeln. Aber selbstverständlich hat sich der Studierende zu entscheiden; er kann nicht nach dem Motto: "Ist ja eh alles gleich richtig (oder falsch)" aus beiden Schreibweisen eine dritte, eigene, zusammenflicken. "Es wird von uns nur verlangt, dass man eine Rechtschreibung konsequent befolgt", so Bauer.

Die FU-Germanisten erwarten, dass in der Verwaltung bis Ende des Jahres kollektiv auf die Neuschreibung umgestellt wird. Doch dann fangen für manche die Probleme erst an. "Wir haben auch Kollegen, die das neue Regelwerk in Grund und Boden verdammen und wohl ihr Lebtag nicht einführen wollen. Wie das mal ausgehen soll, wenn sie Deutschlehrer für den Unterricht ausbilden, weiß ich nicht", sagt Bauer.

"Überhaupt keine Probleme" sieht TU-Germanist Hans Dieter Zimmermann. Es sei sogar ein positiver Effekt zu bemerken, denn "da jetzt nicht mehr so genau feststeht, was richtig und was falsch ist, ist eine gewisse Toleranzbreite eingetreten." Das Landesprüfungsamt nämlich, das bei der Beurteilung von Staatsexamensarbeiten bisher immer mit einer "besonderen Pingeligkeit" auf die Jagd nach Rechtschreibfehlern ging, ist jetzt "etwas ruhiger und vorsichtiger" geworden. " Insofern ist gar kein Chaos eingetreten, sondern ein Gewinn an Toleranz."

Die Mitarbeiter der Humboldt-Universität pauken derweil - aber ganz entspannt. Die HU hat sich in der Verwaltung an die Regelung des Landes Berlin angehängt, nach der - im Rahmen einer Übergangsfrist bis Ende 1999 - von Januar 2000 an die Neuregelung verwendet werden soll.

Aufwärmtraining für Mitarbeiter

In der laufenden Orientierungsphase machen sich die Mitarbeiter mit dem Neudeutsch vertraut, man könnte auch sagen: sie absolvieren ein Aufwärmtraining. Die interne Aus- und Weiterbildung bietet Kurse zur neuen Orthografie an. "Für die Sekretariats- und Verwaltungsmitarbeiter besteht im Moment noch kein absoluter Zwang zur Verwendung der neuen Regeln, aber jeder muss sich peu à peu auf die Neuregelung einstellen", sagt Eveline Schmidt, Verwaltungsleiterin der Philosophischen Fakultät III mit den Instituten für Sozialwissenschaften, Kultur- und Kunstwissenschaften und Afrika- und Asienwissenschaften.

Alles übt also, damit ab Januar die Briefe vom Immatrikulationsamt oder vom Fachbereich in perfektem Neudeutsch verfasst werden. Dass ab dem 1. Januar 2000 alle Mitarbeiter tatsächlich ein fehlerfreies Neudeutsch schreiben, glaubt auch der Leiter des Organisationsreferats / Innenrevision der Humboldt-Universität, Horst Dameskis, nicht. "Ich beherrsche ja schließlich auch nicht alle Regeln der alten Rechtschreibung", bekennt er lachend. "Das wird bei der neuen nicht anders sein."

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