Gesundheit : Professorin undercover

Eine US-Anthropologin schrieb sich wieder an der Uni ein – weil sie ihre Studenten besser verstehen wollte

Leonard Novy

Es ist ein fast zeitloser Menschheitstraum: zwei Menschen – Mann und Frau, Mutter und Tochter – tauschen die Rollen (manchmal, Hollywood macht’s möglich, auch den Körper!), leben eine zeitlang das Leben des jeweils anderen und machen so Erfahrungen, die sie den anderen verstehen und selber reifen lassen.

Mit dem „Anderen“, fremden Kulturen, ihren Sitten und Gebräuchen, hatte sich die Anthropologin Cathy Small lange vorwiegend wissenschaftlich auseinander gesetzt. Doch als sich die Professorin der Northern Arizona University vor vier Jahren entscheiden musste, wo sie ihr anstehendes Sabbatical verbringen wollte, wählte sie nicht Patagonien, Feuerland oder die Antarktis. Stattdessen schrieb sie sich mit 52 Jahren an ihrer eigenen Uni ein, um die Lebenswelt ihrer Studenten zu erforschen.

Vorangegangen war ein Prozess schleichender Entfremdung. Nach 15 Jahren Lehrtätigkeit an ihrer mit rund 18 000 Studenten und öffentlicher Trägerschaft recht typischen US-Uni, verstand Small ihre Studenten nicht mehr. Warum schwänzten sie Seminare? Wieso erschienen sie schlecht vorbereitet, schliefen während der Vorlesung oder nutzten sie dazu, ganze Mahlzeiten zu sich zu nehmen statt sich Notizen zu machen?

Small beließ es nicht beim kulturpessimistischen Lamento des „Früher war alles besser“. Stattdessen tauschte sie die Privilegien des Professorenjobs mit dem Studentenleben am College, jener eigentümlichen Institution des US-Bildungssystems, die nicht nur Hort der Bildung ist, sondern als rite de passage auch den Übergang in die Erwachsenenwelt markiert. In einem Buch fasste sie die Erfahrungen und Ergebnisse ihres „Freshman Year“ – so der Titel des Bandes – zusammen.

Getarnt als Autorin mit High- School-Abschluss, die es mit Anfang 50 noch mal an die Uni zieht, bezieht Small Quartier im Studentenwohnheim und mischt sich, ganz der Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ verpflichtet, mit vollem Elan unter die über 30 Jahre jüngeren Studienanfänger. Sie belegt Seminare, besucht die nach dem ersten Treffen routinemäßig praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden „Vollversammlungen“ ihres Wohnheims und nutzt das große Freizeitangebot der Uni, das zum Valentinstag mit dem Kurs „Wie macht man essbare Unterwäsche“ aufwartet.

All das geht nicht ohne Irritationen vonstatten. Von der Zimmernachbarin wird Small erst einmal für eine verirrte Mutter gehalten, wegen Alkoholkonsums in den Gemeinschaftsräumen handelt sie sich eine Verwarnung ein. Doch gewinnt die Professorin undercover rasch Einblicke in den Alltag, die kulturellen Codes und Einstellungen ihrer Kommilitonen. Sie lernt die formellen wie informellen Regeln erfolgreichen Studierens kennen: angefangen von der durch Pragmatismus, nicht Inhalte geleiteten Kurswahl, über möglichst minimalen Arbeitseinsatz bis zum akademischen Regelverstoß.

Als Kulturanthropologin begreift Small den Studenten gleichzeitig als Schöpfer und Geschöpf von Kultur und Gesellschaft. Zwar kann sie mit ihrer Erschütterung darüber, welch geringen Stellenwert Wissenschaft und Politik außerhalb des Seminarraums zu haben scheinen (ein Drittel aller Gespräche unter Studentinnen drehen sich um „Jungen, Treffen mit Jungen und Sex“), manchmal nicht hinterm Berg halten; doch versucht sie vor allem zu ergründen, wie das Verhalten der akademischen Debütanten zustande kommt.

Dem studentischen Alltag widmet sie sich wie den großen gesellschaftlichen Themen. Sie beschreibt ungewisse Zukunftsaussichten und die Überforderung angesichts des schier unüberschaubaren Lehr- und Freizeitangebots. Die Notwendigkeit vieler Kommilitonen zu jobben, um ihr Studium zu finanzieren, ist ein wichtiger Grund, warum sie während der Vorlesung so abwesend scheinen: Nur im Hörsaal bleibt Zeit, in der Hatz vom Job zur Uni zu essen. Oft schlafen die Studenten einfach aus Erschöpfung ein. Die oft zitierte „Universitätsgemeinschaft“ entlarvt Small als hohles Ideal. Tatsächlich bewegen sich die Studenten in einem Mikrokosmos aus unzähligen, allen Vielfaltsversprechen zum Trotz ethnisch segmentierten Grüppchen, die im Dorm oder in der Mensa meist unter sich bleiben.

Als prägend empfindet Small die Ökonomisierung der Bildung, also die verstärkte Gestaltung der Bildung nach marktwirtschaftlichen Kriterien. In dem Maße, in dem sie ihre Unabhängigkeit von der nach Effizienzgesichtspunkten organisierten Außenwelt verliert, drohe der Universität ihre „spezielle Rolle in der Gesellschaft“ abhanden zu kommen, sei es ihr nicht mehr möglich, Kritik zu üben und Utopien zu entwickeln. Das bleibe für den einzelnen Studenten nicht ohne Folgen, sagt Small: Wenn von Bildung nur noch als Investition in Humanressourcen gesprochen, Bildung zur Ware wird, welche von Studenten erworben und konsumiert werden kann, und Hochschulen im Zuge sinkender öffentlicher Mittel zu Wettbewerb, Markenbildung und Effizienz angehalten werden, wie kann eine Gesellschaft von ihren Studenten erwarten, ihre Ausbildung nicht nach rein utilitaristischen Prinzipien zu organisieren?

Small, die ihre Universität im Buch AnyU („JedeUni“) nennt, veröffentlichte ihr Buch unter dem Pseudonym Rebekah Nathan. Sie hoffte, dieses so lange aufrecht halten zu können, bis ihre Kommilitonen die Uni verlassen haben. Doch noch vor Erscheinen des Buches lüftete die „New York Sun“ das Geheimnis. Eine hitzige Debatte über Smalls Beobachtungen, vor allem aber ihr ungewöhnliches Vorgehen war die Folge. Small war damals schon längst wieder in ihre Professorenrolle zurückkehrt – und versucht seitdem, ihre Erfahrungen in die Lehre einfließen zu lassen.

Rebekah Nathan, My Freshman Year: What a Professor Learned by Becoming a Student. Cornell University Press 2005.

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