Gesundheit : Projekttutorien: "Die Studenten brauchen auch künftig eigene Projekte"

Renate Graf

Am 18. Juli gab es zwei Ereignisse, die für das Projekttutorien-Programm an der FU schwere Folgen haben könnten: Die Hochschulverträge für die Jahre 2003 bis 2005 wurden unterzeichnet, und es fand eine Sitzung des Akademischen Senats der Freien Universität statt. Frisch von der Unterzeichnung der Hochschulverträge in der Senats-sitzung eingetroffen, kündigte Universitätspräsident Peter Gaehtgens an, dass als Folge des Vertragsabschlusses ein radikaler Kassensturz nötig sei. Dieser Kassensturz solle nicht nur die Laufzeit des neuen Hochschulvertrages von 2003 bis 2005 betreffen, sondern auch den bereits bewilligten FU-Haushalt für das Jahr 2002 einschließen. Damit stehen plötzlich bisher als gesichert angesehene Haushaltsposten zur Disposition. Hierzu zählt auch das Projekttutorien-Programm.

Die Projektutorien wurden 1988/1989 aus der Taufe gehoben. Ziel des Programms ist es, Studierenden die Möglichkeit zu geben, eigene akademische Projekte zu initiieren und auch selbst zu gestalten. Diese sollen das reguläre Lehrangebot ergänzen oder aktuelle Themen der Wissenschaft aufgreifen sowie fachübergreifende Lehrexperimente fördern. Jedes Projekttutorium hat einen betreuenden Dozenten. Er berät im Hintergrund. Die von den Studierenden beantragten Projekte werden vom Dozenten und einer Kommission begutachtet, die dem Akademischen Senat schließlich die Themen für Förderungsempfehlungen vorlegt.

Lange Tradition

Die Projekttutorien sind Teil einer langen Tradition an der FU. Es geht darum, dem selbstbestimmten Lernen und dem Mitspracherecht der Studierenden eine Chance einzuräumen. Die Besonderheit und Stärke der FU ist es, dass bereits an ihrer Gründung Studierende maßgeblich beteiligt waren. Studierende waren von Anfang an in den meisten Gremien stärker eingebunden als in anderen Universitäten. Das änderte sich auch nicht, als nach 1968 die Gruppenuniversität entstand. Die Studierenden konnten ihre Uni mitgestalten.

Wenn nun als erstes das Projekttutorien-Programm den angeblich sofort notwendigen Sparmaßnahmen zum Opfer fallen sollte, ist das ein weiterer Schritt in Richtung einer wiedereinzurichtenden Ordinarienuniversität. Das Projekttutorien-Programm ist bei einem jährlichen Etat von 462 000 Mark nach Maßstäben einer großen Universität ein sehr geringer Kostenfaktor. Es ermöglicht aber etwa 300 hochmotivierten Studierenden die Erfahrung eigenständigen wissenschaftlichen Arbeitens. Die Erfolgsquote der Projekttutorien liegt mit 60-70 Prozent sehr hoch. So ist zum Beispiel der derzeit an der Humboldt-Universität zur Erprobung eingeführte Reformstudiengang Humanmedizin aus einem Projekttutorium der FU hervorgegangen. Ein anderes Beispiel ist das Tutorium "Russische Kulturszene in Berlin -lesbar gemacht", das im Selbstverlag einen russischen Reiseführer über Berlin erstellt und vertrieben hat. Das Vorwort dazu schrieben Barbara John (Ausländerbeauftragte des Senats) und Volker Hassemer (Partner für Berlin).

Aktuelle Themen

Das Projekttutorien-Programm findet nicht nur große regionale sondern auch überregionale Beachtung und war bereits Vorbild für viele ähnliche Programme an anderen Universitäten, unter anderem in Wien. Für den Start im Wintersemester 2001/2002 sind dem Akademischen Senat von der Projekttutorienkommission Projekte empfohlen worden, die sich mit sehr aktuellen natur- und geisteswissenschaftlichen Themen auseinandersetzen. Um nur vier Beispiele aus dem sehr breit gestreuten Themenkreis zu nennen: "Das Private ist öffentlich" (ein Projekt, das an Hand von Talkshows Aussagen über aktuelle gesellschaftliche Normierungen gewinnen will); "Die Wissensgesellschaft: Welche Auswirkungen hat sie auf uns?"; "Homöopathie und Veterinärmedizin - ein Integrationsversuch" (die Zielsetzung gilt der maximal möglichen Integration der Komplementärmedizin in den Lehrplan); "Ritterin trifft Panzergrenadierin. Selbst- und Fremddarstellung kämpfender Frauen im Mittelalter und in der Gegenwart" (wegen des möglichen Dienstes der Frau an der Waffe soll das Phänomen der "Frau an der Waffe" untersucht werden).

Ob der Start der empfohlenen Projekte zum kommenden Wintersemester erfolgen kann, ist allerdings ungewiss. Sollen die Projekttutorien trotz des bereits beschlossenen Haushaltes für 2002, in dem sie verankert sind, nun dem Sparen zum Opfer fallen?

Komisch muss es die Studierenden anmuten, dass sie mit Ruderregatten, zahlreichen Artikeln mit FU-Logo sowie Immatrikulationsfeiern mit honorigen Gästen und Sektempfang von ihrer Universität kostenintensiv umworben werden, damit sie sich mit der FU stärker identifizieren. Gleichzeitig werden mit der Streichung des PT-Programms ernstzunehmende Identifikationsmöglichkeiten zunichte gemacht.

Von den finanziellen Zwängen gibt es keine Grundlage dafür, das PT-Programm mit seinem sehr bescheidenen Etat aus dem bereits bewilligten Haushalt zu streichen. Dies kann nur als politisch motiviert seitens des Präsidiums gesehen werden. Im Sinne der Grundidee des studentischen Mitsprache- und Mitarbeitsrechts an der Freien Universität Berlin und ihrer Glaubwürdigkeit muss die Zusage der Mittel für die Projekttutorien eingehalten werden.

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