Proktologie : Preis der Sauberkeit

Gesundheitsprobleme am Po – oft eine Folge übertriebener Hygiene?

Hartmut Wewetzer
Po
Problemzone. Viel Menschen leiden unter Hautreizungen am After. Hier die Rückseite der Venus von Syrakus. -Foto: pa/akg

Henning Rohde hat einen ungewöhnlichen Beruf. Er beschäftigt sich mit jenem Körperteil, über das die meisten Menschen ungern sprechen. Rohde ist Proktologe. Er schaut den Menschen auf und in den Po. Beschwerden und Gesundheitsprobleme rund um den Allerwertesten sind weit verbreitet. „Sie gehören zu den häufigsten Klagen der Patienten in der Praxis“, sagt er.

Aber Rohde hat auch festgestellt, dass viele seiner ärztlichen Kollegen nicht gut informiert sind, und deshalb einen umfassenden „Lehratlas der Proktologie“ (erschienen im Thieme-Verlag) verfasst. „Der After gilt allgemein als Organ, das zu funktionieren hat, weiter nichts“, sagt Rohde. „Auch Ärzte schauen sich diese Gegend eher selten gründlich an.“

Blutungen, Jucken und Schmerzen – in dieser Reihenfolge – sind die häufigsten Beschwerden, die Menschen in die Berliner Praxis von Rohde führen. „Ich habe wohl Hämorrhoiden“, nehmen viele an. Hämorrhoiden sind Schleimhautvorwölbungen im Analkanal. Hervorgerufen werden sie durch Gefäßkissen, die normalerweise helfen, den After zu verschließen. Oft aber sind es gar nicht Hämorrhoiden, die die Probleme verursachen. Weniger als ein Drittel der Patienten liegt mit der Selbstdiagnose „Hämorrhoiden“ richtig, hat Rohde festgestellt.

Die meisten Gesundheitsprobleme rund um den Schließmuskel sind lästig, aber keine ernste Gefahr. Viele lassen sich beseitigen, wenn man ein paar Regeln beachtet.

Vielleicht die häufigste Störung ist das Analekzem, eine Entzündung der empfindlichen Haut am After. Sie ist gerötet, juckt, brennt und kann nässen.

Unzählige Ursachen für das Analekzem werden in der Fachliteratur genannt. Auch Rohde hat eine Hypothese. Er denkt, dass übertriebene Sauberkeit häufig eine große Rolle spielt. „Viele Leute glauben: je sauberer, desto besser – und tun ihrer Haut damit keinen Gefallen“, sagt er. Häufiges Duschen und das Reinigen mit Seife oder Feuchttüchern zerstört die schützende Fettschicht der Haut, trocknet sie aus, macht sie rissig und anfällig für Erkrankungen wie das Ekzem. Das Bedürfnis nach Hygiene erzeugt Krankheit, nicht Gesundheit.

„Kaum eine Stelle am Körper kommt so häufig mit Wasser- und Reinigungsmitteln in Kontakt wie die Anal- und Intimregion“, sagt der Arzt. „Die geballte Wirkung aller dieser Wasser-, Seifen-, Duschgelkontakte zusammen mit den Nassreinigungen nach jedem Stuhlgang, oft mit Feuchttüchern, ist offenbar der Auslöser vieler, bis heute unaufgeklärter analer Entzündungen und Erkrankungen.“

Oft lautet Rohdes Behandlungsvorschlag an seine Patienten deshalb: nichts machen! Einfach die Haut in Ruhe lassen. Schluss mit den Cortisonsalben, den Feuchttüchern, dem häufigen Duschen, Baden oder gar den Sitzbädern. „Wenn all diese Maßnahmen dann unterlassen werden und der After nur mit etwas Vaseline auf einem weichen und trockenen WC-Papier gereinigt wird, dann erholt sich die Haut oft“, hat Rohde beobachtet. Doch verlangt diese „Nichttherapie“ vom Patienten mindestens genauso viel Disziplin wie eine herkömmliche Behandlung.

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