Gesundheit : Promotion: Fünf beinharte Jahre

Renate Kossmehl

"Ich habe mich nie im Leben zuvor einem Menschen so ausgeliefert gefühlt. Man arbeitet 50 Stunden in der Woche, und der Chef will immer noch mehr Daten. Wenn ich nicht schon so viel Energie and Geld investiert hätte, würde ich schnellstens aufhören." Dies ist eine Erfahrung, die der Marburger Politologe Norbert Kersting im Rahmen seiner Studie "Promotionsstudium im Vergleich" gesammelt hat. 1150 Doktoranden, je zur Hälfte Geistes- und Naturwissenschaftler, hat er 1999 zu ihrer Promotion befragt. Fast zwei Drittel der Befragten hatten ihre Arbeit bereits abgeschlossen. Noch nie habe er nach der Veröffentlichung einer Studie so viel Resonanz bekommen, meint Kersting: "Das Thema brennt den Leuten unter den Nägeln."

Durchschnittlich 28 Jahre alt ist der Promovend, wenn er seine Arbeit beginnt. Rund drei Viertel der Befragten nennt das thematische Interesse am Forschungsvorhaben als Motivation, ebenso viele die Verbesserung der Berufschancen. Eine Doktorarbeit dauert im Schnitt vier bis fünf Jahre, etwa 20 Prozent der Befragten brauchte mehr als sieben Jahre. Die Benotung fällt umso schlechter aus, je länger die Promotion dauert.

Die finanzielle Absicherung während der Promotion ist für viele Doktoranden das größte Problem. Dies traf auf Geisteswissenschaftler in höherem Maße zu als auf Naturwissenschaftler. Etwa die Hälfte finanzierte sich über eine Beschäftigung an der Universität, ein Viertel durch außeruniversitäre Jobs, ein weiteres Viertel griff auf Mittel von Eltern oder Ehepartner zurück. Über 80 Prozent der Naturwissenschaftler promovierte und arbeitete an der Uni und war so in Forschung und Lehre eingebunden, während dies bei weniger als der Hälfte der Geisteswissenschaftler der Fall war. Das hat gravierende Folgen für den inhaltlichen Austausch des Promovenden mit Kollegen über das Forschungsthema. Während drei Viertel der Naturwissenschaftler ausreichend Diskussionspartner für ihre Arbeit hatten, war dies bei weniger als der Hälfte der Geisteswissenschaftler der Fall. Doch häufig würden Naturwissenschaftler zu Dienstleistern für ihren Professor. Sie sammelten Daten, die für die eigene Promotion irrelevant seien, aber dem Forschungsinteresse des Doktorvaters entsprächen, beschreibt Norbert Kersting.

Die überwiegende Zahl der Befragten war mit der Betreuung durch den Doktorvater oder die Doktormutter zufrieden. Häufige Beratungsgespräche und Doktorandenkolloquien werden von mehr als dreiviertel aller Befragten begrüßt. Naturwissenschaftler können diese in weit stärkeren Maße als Geisteswissenschaftler wahrnehmen.. "Das Klischee des Geisteswissenschaftlers, der wie ein Poet im stillen Kämmerlein forscht, trifft leider häufig zu", meint der Politologe abschließend.

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