Gesundheit : Proteste vor Kühlerhauben

Studenten demonstrieren – und rangeln mit Autofahrern

Tilmann Warnecke

Ein Hauch von Straßenkampf am Charlottenburger Ernst-Reuter-Platz: Zwanzig Studenten zwingen einen Kombi, mitten in der Fahrt anzuhalten. Kein Wunder, dass der Fahrer aus dem Auto und einem Hochschüler an den Kragen springt: „Lasst die Finger vom Auto, ich muss arbeiten“, schimpft der Mann, der nur knapp älter als die Studenten aussieht. „Wir müssen protestieren“, entgegnen diese und setzen sich auf die Kühlerhaube. Für weiteren Lärm brauchen die Studenten danach nicht mehr zu sorgen. Die anderen wartenden Autofahrer hupen so laut, dass vereinzelte Rufe wie „Wir wollen besser studieren“ völlig untergehen.

Streik an der Technischen Universität: Einige hundert Hochschüler der Technischen Universität zogen gestern von ihrer Alma Mater zum Ernst-Reuter-Platz und blockierten die Zufahrt zur Straße des 17. Juni, um gegen die Einsparungen an den Universitätsetats zu protestieren. Nicht jeder streikte mit derselben Begeisterung wie die Studenten auf der Fahrbahn. Auf den Gehwegen standen auch Studierende wie Johanna und Jenny, die skeptisch auf den Kampf auf der Straße blickten. „Lass uns lieber einen Kaffee trinken“, meinte Jenny schließlich zu ihrer Freundin – ihr war es schlicht zu kalt.

Bereits morgens um acht hatte ein Professor aus Solidarität mit den Streikenden seine Vorlesung zu einer öffentlichen Protestveranstaltung auf dem Wittenbergplatz umfunktioniert. Im Mathegebäude verschlossen Studierende die Eingangstüren mit dicken Ketten und besetzten das Haus. Im Audimax, das als zentraler Informationspunkt der Streikenden dient, gab ein AStA-Vertreter den neuesten Stand der Streikbeteiligung bekannt: „Die erste Vorlesung konnten wir sprengen. In der zweiten sind alle sitzen geblieben.“ Der Beifall im halb gefüllten Saal hielt sich in Grenzen, Studentenmassen ließen sich nicht mobilisieren. Vorm Audimax, bei den Volkswagen- und Shellständen der Recruiting–Messe, drängelten sich ebensoviele Studierende. „Unser Professor hat sich schon lustig gemacht, dass sie das 1968 besser hinbekommen haben“, sagte ein Student.

Jetzt wollen die Studierenden in Arbeitsgruppen weitere Proteste organisieren. Am heutigen Freitag plant der AStA die Besetzung des Mathe-Gebäudes. Um 8 Uhr 45 soll es eine Ringvorlesung geben, (Treffpunkt S-Bahnhof Zoo). Ab acht Uhr ist ein Studi-Stau im Untergrund vorgesehen: Möglichst viele Studenten quetschen sich in die Waggons. Dann erfahren auch die U-Bahnfahrer, wie es in einer Massenvorlesung zugeht (Treffpunkt Ernst-Reuter-Platz).

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