Gesundheit : „Prüfen Sie mit eigenen Augen!“

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Wovor würden Sie junge Leute, die vor einer Studienwahl stehen, warnen?

Es gibt einige Dinge, die ich nicht zur Grundlage einer Studienentscheidung machen würde. Dazu zählt die aktuelle Berichterstattung über neue Studiengänge, die Tatsache, dass Freunde ein bestimmtes Fach studieren, die Bindung an einen Wohnort, Ratschläge von Freunden oder Eltern. Die Empfehlung anderer ist immer parteiisch, sie ist gespeist von den Eindrücken anderer und nicht von der Selbstwahrnehmung. Wer unreflektiert die Außenperspektive übernimmt, könnte im Laufe des Studiums in Konflikt mit seinen eigenen Interessen kommen.

Sollte man die Entscheidung für einen Studiengang von Arbeitsmarktprognosen abhängig machen?

Das gleicht der Spekulation mit Aktien: Man hat immer nur die Vergangenheit als Maßstab, kennt aber die Zukunft nicht. Deswegen sollte dieser Faktor nur ein Aspekt bei der Entscheidungsfindung sein.

Wer hat nach Beendigung seiner Ausbildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Studenten oder Azubis?

Ein Studium ist ein guter Schutz vor Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit bei Uni-Absolventen beträgt im Bundesdurchschnitt vier Prozent. Die allgemeine Arbeitslosigkeit liegt dagegen bei neun Prozent. Auch in Sachen Finanzen liegen die Akademiker vorne: Die Bruttoeinkünfte eines fertigen Uni-Absolventen sind um ein Drittel höher als jene der Abiturienten ohne Hochschulabschluss.

Wann sollten sich die Abiturienten für Fachhochschulen, wann für Universitäten entscheiden?

Wer später promovieren will, sollte sich für die Uni entscheiden, da Fachhochschulen kein Promotionsrecht haben. Für die Fachhochschul-Absolventen ist der Wechsel an eine Uni, um doch noch zu promovieren, kompliziert und langwierig. Auch finanziell ist das Fachhochschul-Diplom nicht so ergiebig. Die Absolventen werden tariflich schlechter eingruppiert als Uni-Absolventen. Diesen sind auch oft die Spitzenpositionen vorbehalten. Der berufliche Aufstieg endet deshalb häufig in der mittleren Management-Ebene.

Was spricht dann für ein Fachhochschul-Studium?

Die Fachochschulen kommen mit ihrem Angebot den Wünschen vieler Studis mehr entgegen als die Unis. Das Studium ist praxisbezogen und die Studiendauer kürzer. Das verschulte System der Fachochschulen überfordert viele Studenten weit weniger als das der Uni, an der ein hohes Maß an Selbstorganisation verlangt wird. An den Fachhochschulen gibt es weit weniger die Probleme, die an einer Massenuni auftreten: überfüllte Hörsäle, ungenügende Betreuung.

Auf dem Markt der Bildungsmöglichkeiten gibt es in Deutschland neben staatlichen auch private Hochschulen. Wo ist der Unterschied?

Die private Hochschule wählt sich ihre Studis selbst aus und erhebt Studiengebühren - in der Regel werden auch Stipendien an Studierende vergeben. Studiert wird in kleinen Gruppen mit intensiver Betreuung. Das Lehrsystem ist verschult. Die Studiengänge sind häufig anwendungsbezogen, Betriebspraktika und Auslandssemester sind oft genauso Teil der Ausbildung wie Englisch als Unterrichtssprache.

In regelmäßigen Abständen veröffentlicht zum Beispiel das Magazin „Stern" Hochschulrankings. Sollte man bei der Entscheidung für einen Studienort solch ein Ranking berücksichtigen?

Ich empfehle, die Faktoren, die einem Ranking zugrunde gelegt werden, kritisch zu prüfen. Dass es an großen Unis voller ist als an kleinen, ist trivial. Für einen Erstsemestler sind hohe Drittmitteleinnahmen einer Uni vielleicht von geringer Bedeutung. Für einen Studienortwechsel im höheren Semester könnte diese Information allerdings schon mehr Gewicht haben.

Bei diesem Ranking, dass der „Stern" mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) macht, schneiden die Hochschulen in den neuen Bundesländern oft recht gut im Urteil der Studenten ab. Sind demnach die Unis in den neuen Bundesländern besonders empfehlenswert?

Wer auf Überschaubarkeit, kleine Seminare, gute Kommunikationschancen mit den Lehrenden und eine technisch auf den neusten Stand gebrachte Ausstattung Wert legt, bekommt im Osten, was er sucht. Anders als die Massenunis im Westen werben die Hochschulen in den neuen Ländern um Studenten. Andernfalls würden sie sich sonst durch den massiven Geburtenrückgang und den Mangel an Landeskindern in absehbarer Zukunft zusehends leeren.

Was raten Sie den Studierenden von morgen in jeden Fall?

Bevor sich die Entscheidungswilligen endgültig festlegen, sollten sie ihren zukünftigen Studienort mit eigenen Augen prüfen. Denn die entscheidende Rolle spielt, ob sich der Betreffende am gewählten Institut oder Fachbereich, aber auch an der Hochschule und in der Stadt wohl fühlt. Es ist etwas anderes, ob ich im Internet Fotos von der Schokoladenseite der Hochschule sehe oder selbst erfahre, wie weit abseits gelegen die Gebäude stehen.

Das Gespräch führte Anja Schreiber.

Der Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert leitet die Studienberatung an der Freien Universität Berlin. Neu erschienen ist sein Buch für Abiturienten und Studienanfänger „Studieneinstieg, aber richtig! Das müssen Sie wissen: Fachwahl, Studienort, Finanzierung, Studienplanung" Campus Verlag 2002, Euro 15,90.

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