Gesundheit : Prügeln für Anfänger

Dorothee Nolte

Joachim Bock holt die Steine von der Heizung und reicht jedem Jungen einen: Schön warm sind sie, grün und glatt in der Hand. "Haltet den mal fest, ich erzähle euch eine Geschichte." Die Jungs lachen, tuscheln, kippeln - die Geschichte vom Stein, der von einem modrigen kalten Platz zu einem hellen und warmen Ort gespült wird, fließt an ihnen vorbei, Interesse zeigt kaum einer der 12- und 13-Jährigen. Dann: Bock hebt zwei rote Schaumstoffschläger - "Encounter Pads" heißen sie - hoch. Sofort melden sich Dennis und Julian, die die Regeln des Spiels schon kennen, und dreschen dreißig vom Lehrer gestoppte Sekunden lang aufeinander ein. "Nicht auf den Kopf!" ruft einer dazwischen: das ist die Regel. Wieder Lachen, Tuscheln, Kippeln, Unruhe.

Wer ist Außenseiter?

"Soziales Lernen" heißt die Stunde, in der Jungen und Mädchen der siebten Klasse des Reinickendorfer Friedrich-Engels-Gymnasiums einmal in der Woche getrennt werden, um über Probleme im Klassenverbund oder mit der eigenen Entwicklung zu reden. Zum Beispiel: Wer ist Außenseiter und warum? Wie kann man Konflikte auf unterschiedliche Weisen lösen? Was stört die Mädchen an den Jungs und umgekehrt? Wer hat Angst, das Probehalbjahr nicht zu bestehen, und was kann man dagegen tun? Hier werden auch mal andere Unterrichtsmethoden ausprobiert - wie etwa die Schaumstoff-Prügelei, die zeigen soll: Man kann seinen Frust loswerden und trotzdem dabei Regeln beachten, dem anderen nicht wehtun.

Bock, vollbärtig in Jeans, immer freundlich, immer bemüht, verteilt jetzt eine Geschichte aus dem Schulalltag, die zur Diskussion anregen soll: Niklas hat sich, ohne zu fragen, den Walkman seines Bruders ausgeliehen und ihn kaputt gemacht. Nun bittet er seinen Freund Peter, einen funktionierenden Walkman aus der Tasche eines Mitschülers zu klauen und dafür den kaputten hineinzustecken. Ist das in Ordnung? "Wenn der Walkman noch neu war, muss doch Garantie drauf sein", ruft einer. Und: "Ein Walkman darf gar nicht kaputt gehen, wenn er mal hinfällt", weiß ein anderer Technik-Experte. Dass es um ein moralisches Problem geht, erkennen viele gar nicht. Die Wortmeldungen der nachdenklicheren Schüler gehen im allgemeinen Getöse fast unter. Es klingelt zur Pause.

Liegt es am bereits bestandenen Probehalbjahr, oder daran, dass es für das "soziale Lernen" keine Noten gibt? Oder sind Jungs, laut "Pisa"-Studie die eigentlichen Problemfälle des Bildungssystems, in diesem Alter für schulische Angebote generell kaum zu erreichen? "Sie werden sehen, bei den Mädchen läuft es ganz anders", flüstert Helga Möricke auf ihrem Beobachungsposten hinten im Klassenraum. Die langjährige Deutsch-Lehrerin hat das "soziale Lernen" am Friedrich-Engels-Gymnasium eingeführt, als Angebot für einige siebte und fünfte Klassen.

"Im Fachunterricht kann man sich nicht die Zeit nehmen, über Spannungen in der Klasse oder über persönliche Probleme zu sprechen. Ich will aber nicht nur den Bildungs-, sondern auch den Erziehungsauftrag ernstnehmen", sagt sie. Vor einigen Jahren begegnete ihr eine Frau vom Lions Club und begeisterte sie für deren Konzept des "sozialen Lernens". Möricke besuchte eine dreitägige Fortbildung, die der Lions Club bezahlte, und begann das "soziale Lernen" an der eigenen Schule zu etablieren; als Reinickendorfer Frauenvertreterin wirbt sie dafür auch an anderen Schulen. Die Schulverwaltung begrüßt das Engagement, einen offiziellen Schulversuch möchte sie jedoch nicht bezahlen.

Jetzt legt auch Helga Möricke Steine auf die Heizung: Bei den Mädchen soll es heute genau dasselbe Programm geben wie bei den Jungen. Der Unterschied ist gewaltig. Die Mädchen sitzen im Kreis, sie schließen die Augen bei der Geschichte vom Stein, und scheinen den ruhigen Moment zu genießen. Mit den Schaumstoffschlägern geht es danach genauso wild zu wie bei den Jungs, die Wucht, mit der die kleine Jennifer auf ihre Mitschülerin Nicole eindrischt, steht der der Jungs in nichts nach. Dann: die Geschichte vom kaputten Walkman, diesmal sind die Hauptdarsteller Mädchen und heißen Mona und Lisa. Schülerin Nicole ist sofort in der Lage, das moralische Dilemma in eigenen Worten zu schildern und mehrere Argumente dafür zu geben, warum Lisa den Walkman nicht austauschen sollte. Esra widerspricht: "Für die beste Freundin sollte man alles tun!" Nicole: "Aber das ist doch nicht fair gegenüber der anderen Schülerin!" In einem temperamentvollen Rollenspiel versetzen sich zwei Mädchen in die Lage von Mona und Lisa. Die Schülerinnen, das wird deutlich, mögen diese Stunde, in der sie auch über Themen wie "das erste Mal" oder das Verhältnis zu ihrer Brust sprechen können. "Man kann viel offener reden, wenn die Jungs nicht dabei sind", sagt eine.

Die Jungs sind das Problem

In Helga Mörickes Arbeit fließen, wie sie sagt, "dreißig Jahre Frauenbewegung" ein: "Mein Ziel ist, die Mädchen zu stärken." Zunehmend aber zeigt sich, dass nicht die Mädchen das Problem sind. "Die Jungs geben sich zwar selbstbewusster, sind aber kaum in der Lage, Schwierigkeiten auszusprechen. Sie stehen unter dem Druck, cool zu sein", sagt Möricke und fügt hinzu: "Ich suche händeringend nach Jungenarbeitern." "Jungenarbeiter": Das wären männliche Kollegen, die sich über ihr normales Unterrichtspensum hinaus Zeit für eine Stunde sozialen Lernens nehmen. Joachim Bock ist bisher der einzige, den Möricke an ihrer Schule dafür gewinnen konnte. Manch einer scheut die Fortbildung, die dafür nötig ist. Möricke dagegen schwärmt: "Seit ich das soziale Lernen mache, habe ich eine andere Beziehung zu den Schülern bekommen. Und mehr Spaß an der Arbeit."

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