Psyche : Gefangen in der eigenen Welt

Wer eine Psychose hat, leidet unter wahnhaftem Erleben. Psychotherapie kann diesen Patienten helfen – davon sind Therapeuten eines neuen Verbandes überzeugt. Sie wollen die Behandlung verbessern.

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Berühmtes Beispiel. Schauspieler Russell Crowe spielte den schizophrenen Mathematiker und Nobelpeisträger John Forbes Nash in dem Hollywood-Film „A Beautyful Mind“. Foto: dpa
Berühmtes Beispiel. Schauspieler Russell Crowe spielte den schizophrenen Mathematiker und Nobelpeisträger John Forbes Nash in dem...Foto: picture-alliance / dpa

Die Tür fällt ins Schloss. Holger Bluhmen (Name geändert) ist wieder allein in seiner feuchten Erdgeschosswohnung, der Besuch ist weg. Aber wirklich allein ist er nie. Schließlich ist da noch die Stimme. „Durchgefallen, Pech gehabt, totgegangen“, sagt sie. Immer wieder. Es ist vielleicht die Stimme eines Kindes. Vielleicht aber auch nicht. Wie sie klingt, kann Bluhmen nicht genau beschreiben. „Wenn ich mit anderen Menschen spreche, ist die Stimme nicht da. Einmal hat sie mir gesagt, sie sei meine Mutter, die gestorben ist, als ich zwei war.“ Mütterlich ist es aber kaum, was die Stimme sagt: „Wirf deine Wohnungsschlüssel weg, geh in die Obdachlosigkeit – die Stimme will mir eine negative Zukunft aufbauen“, sagt Bluhmen. „Ich würde mich aber nicht als krank bezeichnen, sondern als Stimmenhörer.“ Ärzte und Therapeuten hingegen würden es Schizophrenie nennen, sagt er – widerstrebend.

Schizophrenie fällt unter den Überbegriff Psychose. „Psychosen sind ein Phänomen, das man schwer definieren kann“, sagt Dorothea von Haebler, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Mitte. Man könne aber sagen, dass das „Merkmal von Psychosen ein wahnhaftes Erleben ist, das nicht immer da ist. “ Außer der schizophrenen Psychose gebe es auch noch psychotische Episoden bei Borderlinern und bipolar Erkrankten, also bei Manisch-Depresssiven. Diese Krankheit wird aber eher unter Depression eingeordnet. „Bei uns steht die Schizophrenie im Vordergrund“, sagt von Haebler und meint damit den „Dachverband deutschsprachiger Psychosenpsychotherapie e.V“ (DDPP), den sie vor einem Jahr mitgegründet hat und deren Vorstandsvorsitzende sie ist.

Der Dachverband, ein Zusammenschluss von Psychiatern, Nervenärzten und Psychotherapeuten, der auch offen für andere Berufsgruppen ist, will die Behandlungsbedingungen von Menschen wie Holger Bluhmen verbessern. Indem er „der psychotherapeutischen Behandlung von psychotisch erkrankten Menschen einen wesentlichen Stellenwert“ einräumt, heißt es in der Selbstdarstellung des Vereins. Ein Prozent der Bevölkerung sei betroffen – weltweit, unabhängig von Kultur und Geschlecht, sagt von Haebler. Einer der berühmtesten Schizophrenie-Patienten ist der Mathematiker und Nobelpreisträger John Forbes Nash, dessen Leben in dem Hollywoodstreifen „A Beautiful Mind“ verfilmt wurde. Der Film zeigt auch, wie sich sein Zustand bessert. Doch lange habe die allgemeine Auffassung bei der Behandlung gegolten, dass keine Heilung möglich sei, sagt von Haebler. „Es gab eine heftige Stigmatisierung, die Patienten galten als Gefahr für die Gesellschaft. Hauptsächlich, um anderen nicht zu schaden, bekamen sie Medikamente – ohne Heilungsgedanken. Es hieß, man könne den Verlauf der Krankheit nicht verändern. In meinem Studium stand in den Lehrbüchern noch, Psychotherapie könne eine Psychose möglicherweise sogar verschlimmern.“

Wenn die Patienten eine Psychotherapie bekamen, dann nur, um Folge- oder Begleiterkrankungen zu behandeln, etwa Depressionen. So war es auch bei Holger Bluhmen. Wann genau er die Stimme zum ersten Mal gehört hat, weiß er nicht mehr. „Richtig los ging’s nach dem Selbstmordversuch“, sagt er. Fast 20 Jahre sei das jetzt her. Mitte 20 war er damals. Gerade macht er seine dritte Psychotherapie, eine Verhaltenstherapie. Doch auch dabei gehe es wie in den vorherigen eher um seine Angstzustände und die Bewältigung von sozialen Problemen.

Psychotherapien, bei denen direkt die Psychose im Mittelpunkt stehe, würden von gesetzlichen Krankenkassen noch immer nicht finanziert, sagt von Haebler. „Das widerspricht der aktuellen Forschungssituation.“ In den vergangenen 20 Jahren hätten mehrere Studien ergeben, dass Psychotherapie tatsächlich gegen Psychosen helfen kann. Der Dachverband setzt sich dafür ein, dass die Richtlinien verändert werden und er hilft Therapeuten, sich zu vernetzen. Von Haebler und ihre Mitstreiter wollen auch die Leitlinien zur Behandlung verändern.

Sehr wichtig ist dem Dachverband die Weiterbildung. Denn es gebe zu wenige Psychotherapeuten, die sich auf Psychosen spezialisiert haben, sagt von Haebler. In der regulären Therapie-Ausbildung werde es normalerweise nicht gelehrt. „Aber der Bedarf ist da. Wir haben großen Zuspruch. Es gibt den Wunsch bei vielen Therapeuten, etwas zu verändern.“ Ob nun Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie – es komme bei der Behandlung nicht so sehr auf die Methode an, sondern auf den Therapeuten: „Was wirkt, ist die Beziehung.“ Aber genau dort liegt auch das Problem: „Menschen mit Psychosen haben oft Schwierigkeiten mit Beziehungen. Das ist ein Merkmal der Krankheit.“ Sie erleben und interpretieren das Verhalten von Menschen anders.

Er komme inzwischen ganz gut mit den Menschen zurecht, sagt Holger Bluhmen. Wer mit ihm redet, mag das nicht ganz glauben. Er wirkt gehetzt, unruhig, unsicher, als wäre er am liebsten wieder allein. Mit der Stimme. Mitten im Gespräch bricht er ab. Es gehe ihm nicht gut. Man möge doch bitte gehen. Sofort.

Psychotherapie bei Psychosen müsse man sich so vorstellen, erklärt Dorothea von Haebler: „Um den Patienten ist eine Seifenblase und der Therapeut versucht, einen goldenen Faden in diese Blase zu fädeln.“ Die Seifenblase ist der Wahn: „Die Patienten sehen sich in einer ausweglosen Situation. Ihr Wahn ist für sie ein Ausweg.“ Er ist eine ganz persönliche, „kreative“ Lösung für ihr ganz spezielles Problem. Eine Lösung, die die Außenwelt nicht versteht. „Der Therapeut darf den Wahn nicht als Defizit sehen“, sagt von Haebler. „Sondern muss den Patienten innerhalb seiner Welt begegnen, ihn in seinem So-Sein akzeptieren – und gleichzeitig den eigenen Standpunkt nicht aufgeben.“

Damit mehr Therapeuten das lernen, bietet der Dachverband Workshops an und hat zum kommenden Wintersemester einen neuen Masterstudiengang ins Leben gerufen: „Integrierte Versorgung psychotisch erkrankter Menschen“ an der International Psychoanalytic University Berlin, in Zusammenarbeit mit der Charité. Zugangsvoraussetzung ist ein berufsqualifizierender Hochschulabschluss: etwa in Medizin, Psychologie, Ergotherapie, sozialer Arbeit oder Pflege.

Es sei wichtig, auch Menschen zu schulen, die in psychosozialen Trägereinrichtungen oder Kliniken arbeiten und oft mit Psychose-Patienten zu tun hätten, sagt von Haebler: „Dadurch würde die soziale Integration von Menschen mit Psychosen verbessert. Die Betreuer scheitern häufig daran, eine konstruktive Beziehung zu den Patienten aufzubauen. Die Folge ist oft Obdachlosigkeit.“

Das passt zu dem, was die Stimme Holger Bluhmen zuraunt. Aber noch hat sie ihn nicht auf die Straße getrieben. Und eigentlich sei der Alltag mit ihr im Moment gar nicht so schlimm. „Nicht mehr.“

Informationen unter www.ddpp.eu

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