Gesundheit : Psychiater-Treffen: Vom Körper der Seele

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"Geist gegen Gene", so der plakative Titel einer Protestveranstaltung, die vor dem 7. Weltkongress für Biologische Psychiatrie in Berlin angekündigt wurde. Wie ungerechtfertigt der Versuch ist, beides gegeneinander auszuspielen, wurde jedoch gleich zu Beginn des internationalen Psychiater-Treffens klar. "Wir vertreten hier nur einen Teil der Psychiatrie und haben nicht den Anspruch, alles abzudecken", sagte Kongresspräsident Hans-Jürgen Möller, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München.

Die mehr als 6000 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern, die noch bis zum 6. Juli im ICC versammelt sind, interessieren sich für den naturwissenschaftlichen Teil des Fachs: Sie versuchen, Erkenntnisse über die Struktur und Funktion des Gehirns, über Gene, die mit psychischen Erkrankungen in Zusammenhang stehen, und über die Wirkung von Medikamenten zu gewinnen und für die Behandlung nutzbar zu machen. Möller versteht dabei die Biologische Psychiatrie selbstbewusst als eigentlichen "Fortschrittsträger": "Die großen Veränderungen sind auf diesem Weg gekommen." Ganz wichtig waren dafür moderne Methoden der Bildgebung wie die Positronen-Emissions-Tomographie (PET), die es ermöglicht, dem Gehirn bei der Arbeit zuzuschauen.

Der erste Weltkongress für Psychiatrie, der 1999 in Hamburg stattfand, und das jetzige Treffen der naturwissenschaftlich orientierten Psychiater zeigen nach Ansicht von Wolfgang Gaebel, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie und Direktor der Psychiatrie der Universität Düsseldorf, dass Deutschland trotz der problematischen Geschichte des Fachs wieder ein Land geworden ist, in das seine Berufskollegen gerne kommen.

Der amerikanische Psychiater Daniel Weinberger aus Bethesda/Maryland, Vorsitzender des wissenschaftlichen Komitees, bestätigte, dass die Forschung in beiden Ländern inzwischen vergleichbares Niveau hat. Vor allem aber gebe es breiten Konsens darüber, welche Themen jetzt besondere Beachtung verdienen: "In den nächsten fünf Jahren werden zahlreiche Gene gefunden werden, die an psychischen Krankheiten beteiligt sind." Das bedeute jedoch nicht, dass die Erforschung der Umweltbedingungen überflüssig werde. "Gene determinieren nicht, sondern entscheiden über die Werkzeuge, die der Mensch für seinen Umgang mit der Umwelt zu Verfügung hat."

Die Hoffnung darauf, dass in absehbarer Zeit Gentherapien zur Verfügung stehen könnten, die psychische Leiden wirklich heilen, dämpften die Wissenschaftler jedoch. Selbst wenn die Genveränderungen, die bei bestimmten Formen von Depression oder Schizophrenie eine Rolle spielen, bald bekannt sein sollten, bleiben die anderen Faktoren, die die komplexen Krankheiten mit verursachen. Ganz abgesehen von den großen technischen Problemen, die mit dem Einschleusen von Genen verbunden sind.

Was kann man sich auf kürzere Sicht von der Genforschung erhoffen? Menschen mit erhöhtem Risiko könnte früher geholfen werden, weil man sie schneller ausfindig macht. Wenn man die molekularen Wege versteht, die vom veränderten Gen bis zur sichtbaren Veränderung von Struktur und Funktion des Gehirns führen, hat man außerdem die Chance, irgendwo mitten auf dem Weg einzugreifen.

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