Gesundheit : Psychiatrie: Weniger Angst vor dem Psychiater

Walter Schmidt

Horst Malmann (Name von der Redaktion geändert) ist stolz auf sich. Er schafft es, einmal im Monat von Euskirchen in der Voreifel nach Bonn und zurück zu fahren, um seine Mutter zu besuchen - ganz alleine, mit der Bahn. Das mag bescheiden klingen bei einem Mann, der 37 Jahre alt ist und bis vor wenigen Jahren Dienstreisen nach Russland und Asien unternommen hat. Doch es beeindruckt, wenn man weiß, dass der gelernte Elektro-Installateur 1995 abgestürzt ist; dass er zwei Jahre nach seiner Scheidung und ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters unter heftigen Angstattacken zu leiden begann und sich nicht mehr aus dem Haus traute; dass er immer wieder diese Stimmen hörte, sich bedroht fühlte und im Spiegel jemanden sah, den er nicht kannte.

Er war "ein Häufchen Elend" geworden, sagt Rita Schnurr, Malmanns behandelnde Ärztin für Psychiatrie und Neurologie an den Rheinischen Kliniken in Bonn. Malmanns Psychose ist noch nicht geheilt, doch nach eigenem und ärztlichem Bekunden geht es ihm heute "deutlich besser". Er hat gefunden, wonach er sich so sehnt: Schutz und Menschen, die sich um ihn kümmern - eine Familie. Seit zwei Jahren lebt er im Haus eines fürsorglichen Ehepaares, dessen Kinder längst ausgezogen sind.

Als seine Ärztin ihm anbot, an dem Programm der psychiatrischen Familienpflege des Landschaftsverbandes Rheinland teilzunehmen und vom Krankenhaus in eine Pflegefamilie überzuwechseln, war Malmann sofort begeistert. "In der Klinik war alles so trostlos und ungemütlich, ich konnte mich dort nirgends zurückziehen." Jetzt bewohnt er zwei eigene Zimmer, wo er ungestört in seinen Asterix-Heften schmökern oder Videos gucken kann. Er bastelt Modellflugzeuge und war mit seinen Pflegeltern im Spanien-Urlaub. Freilich nimmt er weiterhin beruhigende Neuroleptika und Anti-Depressiva ein, doch die Dosen werden kleiner.

Dass Horst Malmann wie etwa 600 andere seelisch Kranke in Deutschland die Vorteile der psychiatrischen Familienpflege erleben durfte, ist auch einer Reform zu danken. Sie wurde Anfang der 70er Jahre vom Bundestag beschlossen und wird seither in die Tat umgesetzt: die Reform der deutschen Psychiatrie. Vor 25 Jahren legte eine vom Parlament beauftragte Enquête-Kommission einen Bericht vor, in dem sie die katastrophalen Lebensbedingungen und Behandlungsstandards in den großen psychiatrischen Anstalten beklagte und die mangelhafte Therapie seelisch Kranker außerhalb der Kliniken anprangerte.

Seither hat sich vieles verändert. Gab es 1970 erst 21 psychiatrische Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern, so sind es heute über 150 - meist verkleinerte und modernisierte. Sie halten etwa 40 Prozent aller Psychiatrie-Betten in Deutschland bereit. Die Bettenzahl hat sich seit 1975 mehr als halbiert, von 160 000 auf 70 000. Im Schnitt verweilt ein Kranker heute noch 30 Tage stationär im Krankenhaus; Anfang der 70er Jahre waren 100 bis 200 Tage üblich. Die Zahl der niedergelassenen Fachärzte für Psychiatrie und Nervenheilkunde hat sich von etwa 1000 im Jahr 1975 auf 8000 heute hochgeschraubt. Damit kommt auf 16 000 Bundesbürger ein Nervenfacharzt. Die Psychiatrie-Enquête hatte damals nur ein Verhältnis von eins zu 50 000 gefordert.

So beeindruckend die Zahlen sein mögen, so bedauerlich sind für Fachleute und Kranke die noch immer zu beklagenden Mängel der psychiatrischen Versorgung. "Die Gleichstellung psychisch Kranker mit körperlich Kranken ist noch immer nicht gewährleistet", sagt Peter Kruckenberg, Professor für Psychiatrie in Bremen und Vorstandsmitglied der "Aktion Psychisch Kranke". Angebote für eine medizinische Rehabilitation seelisch Kranker seien "fast nicht vorhanden", obwohl wie bei körperlich Kranken ein Rechtsanspruch darauf bestehe. Krankenkassen, Rentenversicherer und Arbeitsämter bezahlten Maßnahmen nur punktuell, "noch dazu weit entfernt vom Lebensort", wodurch immer wieder Therapie-Abbrüche in Kauf zu nehmen seien. Für psychisch Kranke, die auf feste Bezugspersonen besonders angewiesen sind, ist dies äußerst nachteilig.

Als "vorzügliches Modell" bezeichnet der Mediziner die psychiatrische Familienpflege, bei der geeignete Kranke gegen ein Entgelt von etwa 1500 Mark pro Monat in Pflegefamilien leben und medizinisch ambulant betreut werden. Leider fänden sich zu wenige Familien. Generell mangele es zur Begleitung ambulanter Therapie-Angebote an eigens dafür angestellten Kräften zur "Krisenintervention", um Angehörigen psychisch Kranker spontan zu helfen, wenn sie mit ihren Schützlingen nicht zurande kommen.

Große Fortschritte habe es bei Arzneien gegeben, sagt Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Moderne Medikamente seien nicht nur besser als frühere, sondern auch "erheblich ärmer an Nebenwirkungen" - beispielsweise derart stark erhöhtem Speichelfluss, "dass ein Patient sein ganzes Hemd einnässt". Doch die neuen Mittel sind auch erheblich teurer: Eine Tagesdosis kann laut Falkai "das Acht- bis 14fache" im Vergleich zu älteren Medikamenten kosten. Werde ein so therapierter Patient entlassen, belaste sein Arzneimittelbedarf stark das Budget des betreuenden Hausarztes, der diese Mehrkosten irgendwie ausgleichen müsse, schlimmstenfalls, indem er an anderen Patienten spare oder wider besseres Wissen weniger wirksame Mittel verordne. Die politisch Verantwortlichen müssten sich überlegen, ob sie dies wollten. Immerhin ersparten die teuren Medikamente oft noch kostspieligere Klinik-Aufenthalte.

Ob die Deutschen im vergangenen Vierteljahrhundert psychisch kränker oder gesünder geworden sind, ist schwer zu beantworten. Während es bei Leiden wie Schizophrenie keine Zunahme gegeben habe, litten heute mehr Menschen an Süchten. Auch Altersleiden wie Alzheimer nehmen zu - was freilich schon an der steigenden Zahl alter Menschen liegt.

Dass es ähnlich wie bei Kaufhausdetektiven und überführten Ladendieben auch einen Zusammenhang zwischen der Menge niedergelassener Nervenärzte und der Zahl der Therapierten gibt, dürfte schwer zu leugnen sein. Dies ist noch kein Beleg dafür, dass eigentlich Gesunde hysterisch zum Psychotherapeuten rennen; ebenso gut könnte sich hieran auch ein lange verborgener Mangel an Therapie-Angeboten zeigen.

"Die Patienten haben heute weniger Angst vor dem Psychiater als noch vor 20 Jahren", sagt Peter Kruckenberg. Damals seien Hilfesuchende oft noch auf sagenumwobene psychiatrischen Anstalten angewiesen gewesen, von denen "schon die Kinder wussten, dass dort angeblich nur die Verrückten hinkommen". So manches Vorurteil hat sich abgeschliffen in einer Gesellschaft, wo jeder jemanden mit Therapie-Erfahrung kennt und man längst von "meinem Therapeuten" redet. Diese größere Selbstverständlichkeit im Umgang mit seelischen Leiden ist in jedem Fall ein Fortschritt. Der größte liegt vielleicht darin, dass immer mehr Psychiater versuchen, den Menschen individuell zu behandeln.

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