Psychische Erkrankungen : Absturz ins Leere

Psychische Erkrankungen werden immer noch nicht so ernst genommen wie körperliche Leiden Das will die 4. Berliner "Woche der seelischen Gesundheit" ändern – mit mehr als 150 Veranstaltungen.

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Als Markus Neuhaupt (Name geändert) vor einem Jahr zum ersten Mal in die Schöneberger „Krisenpension“ kommt, „geht gar nichts mehr“, wie der 52-Jährige heute sagt. Es ist seine dritte große Krise. Wieder glaubt er, überall verfolgt und von Gefahren umgeben zu sein. Wieder ist da das Gefühl, komplett die Kontrolle über sich und sein Leben zu verlieren. Schon bald kann Neuhaupt den Alltag nicht mehr bewältigen und damit auch seine Arbeit in einer Agentur für Gesundheitsmanagement nicht. Obwohl es ihm doch so wichtig ist, zu arbeiten und seinem Leben Struktur und Sinn zu geben.

Wie Neuhaupt, dem ausgebildeten Lehrer, geht es vielen: Sie haben psychische Erkrankungen, die es ihnen zeitweise unmöglich machen, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Die aber dennoch arbeiten möchten, soweit es möglich ist. Weil ihnen die Arbeit Freude macht und hilft, Selbstwertgefühle und soziale Strukturen zu stärken. „So stellt ein erfülltes Arbeitsleben bis zu einem gewissen Grad sogar einen Schutz gegen psychische Erkrankungen dar“, sagt Malek Bajbouj, Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité.

Wie viele Gesichter das Thema hat, zeigt ab heute bis Sonntag die 4. Berliner „Woche der Seelischen Gesundheit“ mit dem Schwerpunkt „Seelische Gesundheit in der Arbeitswelt“. In 150 Veranstaltungen wie Vorträgen, Workshops und Kulturabenden und an Tagen der Offenen Tür können sich Interessierte und Betroffene über die Arbeit von Einrichtungen aus ganz Berlin informieren. „Wir möchten für das Thema psychische Gesundheit sensibilisieren und auf die Belange psychisch kranker Menschen aufmerksam machen“, sagt Carsten Burfeind vom Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, das die Aktionswoche 2007 in Berlin ins Leben gerufen hat. Wie groß das Interesse an Aufklärung und Hilfe sei, zeige die zunehmende Zahl bundesweiter Aktionen, die sich dem Berliner Vorbild inzwischen angeschlossen haben.

Wie groß zugleich aber noch immer die Notwendigkeit ist, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren, erzählen sowohl Burfeind als auch Bajbouj. „Unsere Klinik arbeitet mit einem süddeutschen Bundesligaverein zusammen. Wenn dort ein Sportler für sechs Monate wegen eines Kreuzbandrisses pausiert, wird das von allen akzeptiert“, sagt Bajbouj. Brauche derselbe Sportler die Auszeit aber wegen einer Depression, würden das noch immer viele Menschen als schwächlich, ja irgendwie anstößig bewerten.

Auch Neuhaupt hat Angst davor, von seinen Mitmenschen stigmatisiert zu werden. Daher erzählt er kaum jemandem etwas von seiner schizophrenen Störung. Auch den Kollegen an seiner neuen Arbeitsstelle nicht, wo er seit einiger Zeit mehrere Stunden pro Woche als Dozent arbeitet. Er ist stolz darauf, nach dem letzten längeren Aufenthalt in einer geschlossenen Klinik wieder einer regelmäßigen Arbeit nachgehen zu können. Die Sicherheit dafür habe er in der „Krisenpension“ gefunden, erzählt Neuhaupt. Hier hat er nicht nur eine persönliche Bezugsperson, sondern findet Tag und Nacht Ansprechpartner und viel Unterstützung, sein Leben weitgehend eigenverantwortlich zu gestalten. Ganz anders sei das für ihn in der „Geschlossenen“ gewesen, so Neuhaupt. „Deren Strukturen habe ich als sehr autoritär erlebt“, sagt er. „Das Ziel ist, dich schnell wieder funktionstüchtig zu machen. Auch wenn du dann bald wieder vor der Tür stehst.“

Dieser „Drehtüreffekt“ ist nicht nur für die Betroffenen problematisch, er kostet auch die Krankenkassen viel Geld. Daher ging die Techniker Krankenkasse (TK) 2009 auf die Suche nach Trägern, die Alternativen zum herkömmlichen Psychiatriekonzept anbieten und wurde bei der 2006 in Schöneberg als ehrenamtliches Projekt gegründeten „Krisenpension“ fündig. Der therapeutische Ansatz: Der Klient wird in seiner gewohnten Umgebung und unter Einbeziehung seines sozialen Umfeldes von einem Team aus rund 30 Psychologen, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Genesungshelfern sowie Laien betreut. Bisher übernehmen nur die TK und die Siemens Betriebskrankenkasse die Kosten für das Berliner Modell, das bereits Nachfolger gefunden hat und dessen Klientenzahl seit der Gründung im September 2009 steigt. Das Besondere ist neben der präventionsorientierten Begleitung der Budgetansatz, denn das Angebot ist nur dann auch finanziell erfolgreich, wenn es dauerhaft hilft. Muss ein Klient wieder in die Psychiatrie, muss die „Krisenpension und Hometreatment gGmbH“ die Kosten dafür übernehmen, so der Deal mit den Krankenkassen. „Damit gehen wir als freier Träger nicht nur einen neuen Finanzierungsweg, wir entsprechen auch dem Auftrag des Gesetzgebers: Ambulant vor Stationär“, sagt Geschäftsführer Thomas Floeth.

Auch Sonja Ziehler (Name geändert) hat hier eine Anlaufstelle gefunden. Seit der Kindheit leidet die 26-Jährige unter Psychosen, Panikattacken und depressiven Phasen. Trotz vieler Klinikaufenthalte hat sie es geschafft, ein geisteswissenschaftliches Studium zu absolvieren. Nun hat sie sogar noch ein Aufbaustudium drangehängt. „Ohne die Krisenpension wäre ich nicht soweit. Hier fühle ich mich zum ersten Mal menschlich aufgehoben und habe sogar inhaltliche Unterstützung beim Examen gefunden“. Wenn alles klappt, will sie im nächsten Jahr ein Praktikum im Verlagswesen machen.

Tag der Offenen Tür in der „Krisenpension“, Ebersstr. 30, am 7.10. von 13 - 17 Uhr. Weitere Veranstaltungen und Informationen auf www.aktionswoche.seelischegesundheit.net oder unter Tel. 240 47 72 14

Viele Informationen zu psychischen Erkrankungen, Psychiatrien in Berlins Krankenhäusern sowie weitere medizinische Themen finden Sie auf der Homepage www.gesundheitsberater-berlin.de

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