Gesundheit : Psychologie: Gute Gefühle

Stefan Klein

Wer die Gefühle erforschte, galt noch vor kurzem als ein Schmuddelkind der wissenschaftlichen Psychologie. Wahrnehmen, Denken und Handeln waren die Themen ihrer Vertreter. Gefühle dagegen wurden als Privatsache abgetan, über die man am besten nicht sprach, weil sie sich dem Zugriff von Experimenten entzogen. Erst in den letzten Jahren ist das Interesse der Wissenschaftler an den Emotionen erwacht. Die Ergebnisse dieses Aufbruchs wurden kürzlich auf dem Amsterdamer Symposium "Emotionen und Gefühle" verhandelt.

Dass die Gefühle plötzlich so viel wissenschaftliche Beachtung bekommen, ist vor allem dem Fortschritt der Technik zu danken. Mit Computertomographen ist es möglich geworden, das lebende Gehirn auf Millimeter genau zu vermessen. Magnetresonanz zeigt die Struktur des Gewebes im Kopf; mit Positronen-Emissions-Tomographie können die Forscher dem Stoffwechsel der Neuronen und damit dem Hirn beim Denken und Fühlen zusehen. So wurde im letzten Jahrzehnt mehr über die Welt unter der Schädeldecke bekannt als in der ganzen Medizingeschichte bis dahin.

Keine Privatsache

Gefühle sind keine Privatsache mehr. Welche Möglichkeiten solche Messungen bieten, demonstrierte der portugiesisch-amerikanische Neurologe Antonio Damasio in Amsterdam anhand einer kürzlich veröffentlichten Studie aus seinem Labor. Versuchspersonen im Positronen-Emissions-Tomographen sollten sich sehr glückliche und sehr traurige Momente ihres Lebens vorstellen: das Wiedersehen mit einem geliebten Menschen oder den Tod der Eltern.

Auf dem Bildschirm konnten Damasios Mitarbeiter verfolgen, welche Gehirnstrukturen tätig sind, wenn jemand Glück oder Trauer empfindet. Besonders viel Aktivität zeigten dabei Regionen im Hirnstamm und in den unteren Bereichen des Großhirns, die Körperfunktionen überwachen. Diesen Befund deutet Damasio als einen Hinweis darauf, dass Emotionen unauflöslich mit dem Körper verbunden sind. Denn nach seiner Auffassung haben sich die Emotionen im Lauf im Lauf der Naturgeschichte aus einfachen Erregungsmustern des Körpers entwickelt: Eine Fluchtreaktion geht mit Angst einher, ein Angriff mit Ärger.

So wird der Leib zur Bühne von Furcht und Freude, Trauer und Wut. Fälschlicherweise gelten die Körpersymptome nur als Dreingabe eines Gefühls, argumentiert Damasio. Tatsächlich verhalte es sich genau anders herum: Erst wenn wir merken, wie die Hände feucht werden, die Knie zu zittern beginnen und die Mundhöhle austrocknet, wird Angst über den Umweg der Körperwahrnehmung bewusst. Zwar könne der Mensch Gefühle auch aus seiner Phantasie oder seiner Erinnerung herauf beschwören, aber dabei greife das Gehirn immer auf die Körperbeobachtung zurück.

Einigkeit herrschte auf dem Amsterdamer Symposium, dass der Ursprung der Gefühle in solch automatischer Steuerung des Organismus zu suchen ist. Auch ist kaum mehr strittig, dass Tiere zu Emotionen fähig sind. "Wer das vor zehn Jahren behauptet hätte, wäre aus dem Saal gebrüllt worden", spottete der holländisch-amerikanische Verhaltensforscher Frans de Waal.

Eine Kontroverse drehte sich allerdings darum, wie weit sich der Mensch dabei von seiner evolutionären Herkunft entfernt hat. Eine extreme Position vertrat der Neuropsychologe Jaak Panksepp von der Bowling Green State University im US-Staat Ohio. Nach seiner Ansicht können selbst differenzierte Emotionen ohne viel Zutun des Großhirns entstehen. Er beruft sich vor allem auf Experimente mit Ratten. Seine Tiere zeigten dabei sogar dann noch Angst, Vorliebe für bestimmte Speisen und Lust am Spielen, wenn ihnen weite Teile des Großhirns wegoperiert worden waren. Panksepp sieht das als Beleg dafür, dass die wenig erforschten Regionen tief im Schädelinneren mehr als bisher der Beachtung lohnen.

Der Londoner Hirnforscher Ray Dolen präsentierte Daten, die zeigen, wie dieses Erbe aus der Evolution mit jenen Teilen des Großhirns zusammenspielt, die beim Menschen besonders ausgeprägt sind. So berichtete er von Versuchen mit einem teils blinden Patienten, der in seinem rechten Gesichtsfeld durch einen Großhirn-Schaden nichts mehr erkennen kann. Dennoch hat er normale Angstreaktionen, wenn man ihm Bilder wütender Gesichter vor das rechte Auge hält: Schweiß bricht ihm aus, aber er weiß nicht, warum. Die selben Bilder im gesunden, linken Gesichtsfeld hingegen lassen ihn die Furcht normal wahrnehmen.

Computertomographien wiesen nach, dass in beiden Fällen Angstschaltungen unterhalb des Großhirns auf den Reiz angesprochen haben - unabhängig davon, ob der Reiz ins Bewusstsein drang oder nicht. Dolan schließt daraus, dass diese Hirnteile zwar Emotionen auslösen können. Ohne das Großhirn aber würden wir die Gefühle weder bewusst wahrnehmen noch verstehen.

Lustig und traurig

Wie sehr auch gesunden Gehirnen die eigenen Stimmungen verborgen bleiben können, demonstrierte der Psychologe Kent Berridge von der amerikanischen Universität Ann Arbor. In seinen Experimenten wurde die Gefühlslage manipuliert, indem die Versuchspersonen ängstliche und fröhliche Gesichter zu sehen bekamen.

Diese Reize allerdings dauerten nur ein paar Tausendstel Sekunden, so dass sie den Teilnehmern nicht bewusst wurden. Auch berichteten sie nach dem Versuch von keiner anderen Stimmung als vorher. Doch hinterher verhielten sich Versuchspersonen, die fröhliche Gesichter gesehen hatte, anders als Teilnehmer, denen man ängstliche Minen gezeigt hatte. Als ihnen Getränke angeboten wurden, konsumierten die einen doppelt so viel wie die anderen - und waren obendrein bereit, deutlich mehr für die Drinks zu bezahlen.

Offenbar hatten die frohen Gesichter eine leicht euphorische Stimmung ausgelöst, ohne dass die Versuchspersonen es bemerkten. Weil solche Effekte häufig auftreten, führe Innenschau ins eigene Ich meistens nicht weit, sagte Berride: "Gefühle ähneln einem See. Wir sehen nur die glitzernde Oberfläche. Aber das eigentliche Geschehen spielt tiefer."

Während in den affektiven Neurowissenschaften früher negative Emotionen wie Furcht und Angriffslust die Hauptthemen waren, bestimmten auf dem Amsterdamer Symposium die positiven Gefühle die Diskussion. So berichteten Forscher, dass Freude und Lust von anderen Hirnsystemen gesteuert werden als Trauer und Angst: Glück ist nicht das Gegenteil von Unglück.

Damasio zeigte Aufnahmen von Hirnströmen, nach denen Menschen unabhängige Detektoren für Lust und Unlust haben. Eine Schaltung im rechten Vorderhirn reagiert besonders auf negative Ereignisse, ihr Gegenstück auf der linken Seite spricht auf erfreuliche Erlebnisse an.

Dabei können schon lächerlich geringe Auslöser die Stimmungslage verschieben. Jedenfalls hatte die Psychologin Alice Isen von der Cornell-Universität (US-Bundesstaat New York) keine Mühe damit, ihre Versuchsteilnehmer zu glücklichen Menschen zu machen, indem sie kleine Tüten voll Süßigkeiten verschenkte. Erstaunlicherweise änderten sich dadurch nicht nur die Gefühle, sondern auch Intellekt und Handeln. Die Beschenkten waren hilfsbereiter, kreativer und gewandter im analytischen Denken als vorher. Ärzte etwa errieten in Tests nach der Gabe in halb so vielen Schritten die richtige Diagnose. Ein paar freundliche Worte, ein Wohlgeruch oder zufällig gefundene Münzen haben den selben Effekt.

Für die optimistische Psychologin steht damit fest, dass Menschen durch eine kleine Manipulation ihrer Umgebung ihre Möglichkeiten wesentlich erweitern können. "Die Evolution hat uns ganz nahe an den Rand der guten Gefühle gesetzt. Wir müssen diese Talente nur nützen." Mehrere Beiträge hoben drauf ab, wie positive Gefühle das Zusammenleben regeln.

Sympathie ist für den Wirtschaftswissenschaftler Robert Frank von der Cornell-Universität die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen uneigennützig verhalten. Jede Handelsbeziehung beruhe auf diesem Gefühl. Oft nämlich finden sich Menschen in dem Dilemma, dass einerseits ein Betrug vorteilhaft wäre, anderseits Ehrlichkeit noch mehr Gewinn bringen könne, aber nur, wenn auch der andere sich ehrlich verhält. Sympathie liefert dann den Vertrauensvorschuss, der Zusammenarbeit erst möglich macht. Die Schwierigkeit freilich besteht darin, Ehrliche und Unehrliche zu unterscheiden. Intutive Gefühle bieten genau dafür ein Sensorium.

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