Psychologie-Professor Götz Mundle : „Jeder kennt die Sehnsucht nach dem Rausch“

Wir Deutschen werden immer schneller süchtig, sagt der Berliner Psychologie-Professor Götz Mundle.

Verena Mayer
Sucht
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Wir Deutschen werden immer schneller süchtig, sagt der Berliner Psychologie-Professor Götz Mundle. Ein Gespräch über Suchtfallen, den Trend zur unsichtbaren Droge und die Gefahr des Abschaltens.



Nach den Dopingbeichten im Radsport, nach den Debatten über Alkoholexzesse unter Jugendlichen, auch nach dem aktuellen Drogenbericht der Regierung kam das Schlagwort von der "gedopten Gesellschaft" auf. Stimmt das denn? Werden wir Deutschen immer anfälliger für Süchte?



Die süchtigen Strukturen in unserer Gesellschaft sind auf jeden Fall mehr geworden. Wo es um Erfolg um jeden Preis geht, ob im Sport oder in der Industrie, steigt auch der Missbrauch von Substanzen. Wir merken das an den Oberbergkliniken, wo viele Führungskräfte behandelt werden. Der Anteil der Kokainabhängigen hat sich seit 2000 verdoppelt. Oder die sogenannte stille Sucht, die Medikamentenabhängigkeit: Wir gehen davon aus, dass es in Deutschland bis zu zwei Millionen Betroffene gibt. Stichwort Anabolika: Erste Untersuchungen weisen darauf hin, dass bis zu 20 Prozent der Fitnessstudiobesucher unter 30 regelmäßig solche Substanzen einnehmen.

Die Droge als "Brennstoff" für Leistung, wie es der einst heroinsüchtige Journalist Jörg Böckem einmal geschrieben hat?

Es gibt den Trend zur unauffälligen, unsichtbaren Droge. Wenn ein Banker Kokain nimmt, bekommen Sie das nicht mit - der ist lebendig, der ist leistungsfähig. Den Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre ging es noch darum, sich mittels Drogen aus der Gesellschaft hinauszubeamen. Heute ist der Konsum von verbotenen Substanzen eher eine Bewegung in die Gesellschaft hinein: Es geht darum, den Anforderungen der Gesellschaft noch besser gerecht zu werden.

Die jüngsten Zahlen sind alarmierend. So nehmen 12- bis 17-Jährige in der Woche 50 Gramm reinen Alkohols zu sich, das entspricht 1,3 Litern Bier - 2005 waren es noch 34 Gramm. Wächst da eine Generation von Komasäufern heran?

Die Tendenz geht dahin, dass weniger Leute trinken - aber wenn sie trinken, trinken sie mehr. Jugendliche haben sich auch früher schon besoffen. Aber heute werden die Grenzen später gezogen. Bei Flatrate-Partys wird einfach weitergemacht, und dann passiert es eben, dass ein Jugendlicher nach 52 Schnäpsen ins Krankenhaus eingeliefert wird. Früher hieß es bedingt durch Elternhaus oder die Gesellschaft schneller: Hier ist Schluss. Die Gesellschaft von heute ist zum Glück nicht mehr so rigide, was für Jugendliche ja auch von großem Vorteil ist. Aber es gibt eben auch eine negative Seite: dass Jugendliche Gefahren nicht mehr richtig einschätzen können.

Gerade läuft bundesweit die Suchtwoche 2007, die sich dem Thema Alkohol widmet. Da wurde etwa ein Selbsttest propagiert, um den eigenen Konsum zu hinterfragen. Erreicht man Jugendliche damit?

Wir müssen sie irgendwie erreichen, ob nun über die Schulen, über Aufklärungstage, die Jugendgerichtshilfe oder in den Krankenhäusern. Es geht darum, ein Gefühl für Grenzen zu entwickeln, bei Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen. Es gibt Grundregeln, die es ins Bewusstsein zu rufen gilt. Bei einem Mann sind 20 bis 30 Gramm Alkohol am Tag, also ein bis zwei Bier, in Ordnung, bei einer Frau 10 bis 15 Gramm. Dann sollte man zwei Tage in der Woche gar keinen Alkohol trinken und natürlich auch nicht beim Autofahren, in der Schwangerschaft oder bei Medikamenteneinnahme.

Was bringen Maßnahmen wie die Verteuerung von Alkopops oder ein Verbot von Flatrate-Partys?

Wenn eine Gesellschaft Trinkmuster verändern will, spielt die Verfügbarkeit von Alkohol eine große Rolle - dafür sprechen alle Studien. Man kann über neue Gesetze diskutieren, etwa, dass Fahranfänger nicht trinken dürfen. Aber eigentlich würde es schon reichen, wenn der Jugendschutz eingehalten wird, also: harte Alkoholika erst ab 18, der Rest ab 16. Die Verteuerung der Alkopops hat zwar zu einem Rückgang des Verkaufs dieser Getränke geführt, nicht aber des Kampftrinkens.

Wie muss man sich den Süchtigen des Jahres 2007 vorstellen?

Viele Leute, die ich als Arzt erlebe, haben ein überhöhtes Ich-Ideal. Es ist der typische leistungsorientierte Mann, der glaubt, dass er alles meistern kann und dazu keine Beziehungen, keine Emotionen und keine Entspannung braucht. Der Unternehmensberater mit der SiebenTage-Woche, der Medikamente nehmen muss, um einschlafen zu können. Oder der junge Arzt, der ein erfolgreicher Wissenschaftler ist und sich mehrmals am Tag opiathaltige Beruhigungsmittel spritzt. Aber natürlich sind nicht nur Männer betroffen, im Gegenteil. Die Frauen haben enorm aufgeholt, weil auch sie in die Leistungsanerkennungsfalle tappen.

Wie kommt man davon - und von Abhängigkeiten allgemein - wieder weg?

Das Wichtigste ist die Einsicht in die Krankheit und der Wille, sich helfen zu lassen. Die meisten sagen sich ja, das war ein Ausrutscher, und wenn ich mich noch mehr anstrenge, schaffe ich das schon. Genau das ist die Suchtfalle. Wir müssen sie dazu bringen, abzuschalten und nachzuvollziehen, wann sie ihre Grenzen überschritten haben. Das können die meisten auch sehr gut, ich höre dann solche Geschichten: Vor fünf Jahren habe ich gerne gearbeitet, aber es gab Wochenenden, und abends war ich mit Freunden unterwegs. Dann musste ich immer mehr arbeiten, erst fielen die Abende mit den Freunden weg, dann die

Und wie lange dauert es, bis eine Sucht besiegt ist? Man sieht in den bunten Medien bekannte Menschen derzeit reihenweise in den Entzug gehen - Britney Spears, Lindsey Lohan, Robbie Williams - und nach zehn oder 14 Tagen angeblich geheilt wieder rauskommen. Geht es so?

Suchterkrankungen sind langfristige Erkrankungen, die langfristige Behandlungskonzepte erfordern. Am Anfang stehen eine Entgiftung, eine Motivations- und eine Entwöhnungstherapie. Das dauert vier Wochen bis drei Monate. Danach muss das in der Therapie Erlernte zu Hause umgesetzt werden, hier ist Unterstützung durch ambulante Therapie und Selbsthilfegruppen dringend notwendig. Zusätzlich gibt es medikamentös-biologische Verfahren, Anticraving-Substanzen - also Substanzen, die auf Transmittersysteme des Gehirns wirken und die Rückfallneigung senken sollen - genauso wie die sogenannte Cue-Exposure, eine Form der Dekonditionierung. Dem Patienten wird zum Beispiel Alkohol gezeigt. Selbst wenn er sagt, dass ihm das nichts ausmacht, gibt es oft eine körperliche Reaktion, Schwitzen oder einen veränderten Herzschlag. Das wiederholt man dann so oft, bis die körperlichen Reaktionen abnehmen. Als nächsten Schritt geht man mit dem Patienten Situationen durch, die für ihn mit dem Konsum von Alkohol untrennbar verbunden sind, beruflicher Stress zum Beispiel. Mit der Zeit setzt dann eine Entkoppelung ein, und der Patient verbindet kritische Situationen nicht mehr mit dem Bedürfnis nach Alkohol.

Wer schafft es, von der Sucht loszukommen, und wer nicht?

70 bis 80 Prozent schaffen es. Aber wir können alte Leistungsmuster nicht wegoperieren. Wenn von einem Manager nach einem Zusammenbruch weiter eine Sieben-Tage-Woche gefordert wird, kann es natürlich zu Rückfällen kommen. Leider gibt es immer häufiger Probleme mit der Finanzierung. Ein Diabetiker wird selbstverständlich so lange wie nötig im Krankenhaus behandelt, bei Suchterkrankungen werden die Liegezeiten gerne verkürzt und Behandlungen abgelehnt. Wir können dann oft nur eine Entgiftung durchführen, wo es auf eine langfristige Behandlung ankommen würde.

Wie sieht für Sie als Suchtforscher die ideale Welt aus?

Es gibt keine Welt ohne Sucht. Suchtmittel sind ein Thema der Menschheit, jeder kennt den Wunsch, abzuschalten, nach Rausch. Als Arzt, der ich selbst häufig eine 60-Stunden-Woche habe, weiß ich, wie hoch die alltäglichen Anforderungen im Beruf sind. Man muss aber die eigenen Grenzen erkennen. Wenn jeder für sich akzeptiert, dass er mit diesem Wunsch verantwortungsvoll umgehen muss, dann ist ganz viel gewonnen. Dann darf man auch hin und wieder einen Rausch haben.

Das Gespräch führte Verena Mayer

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