Gesundheit : Psychologie: Rachegelüste

Rolf Degen

Es gibt keinen Zweifel, dass unzählige Menschen zurzeit ein brennendes Bedürfnis verspüren, es den Urhebern und Helfershelfern der Terroranschläge in den USA heimzuzahlen. Der Wunsch nach Rache sitzt so tief in den Köpfen und Herzen unserer Spezies, dass alle Morallehren und Gesellschaftsordnungen seiner Eskalation Fesseln anlegen. Doch trotz der grundlegenden Natur der Empfindung hat die Wissenschaft bisher kaum Klarheit gebracht, welche Folgen ein Ausleben des Vergeltungswunsches nach sich zieht.

"Das wird er mir büßen" ist ein Gedanke, der wohl jedem von uns in alltäglichen Situationen unter den Nägeln brennt. Jede Morallehre, auch die christliche, fordert den Menschen auf, solche Anwandlungen zu unterdrücken.

Und trotzdem schmieden zahllose Mitbürger aus kleinem oder großen Anlass Rachepläne. Besonders blutig können solche Anwandlungen werden, wenn sich, wie in Jugoslawien oder Ruanda, ganze Volksgruppen aus verletzten Gefühlen gegeneinander wenden.

"Rache und der Wunsch nach Vergeltung sind vermutlich die archaischsten und grundlegendsten Reaktionen auf Ungerechtigkeit im Sozialleben der Menschen", sagt Neil Vidmar, Psychologieprofessor an der Duke-Universität in den USA.

Von ihrem Wesen her ist Rache eine leidenschaftliche Reaktion auf einen als bösartig empfundenen Angriff oder eine Verletzung der Regeln und des Gerechtigkeitsgefühls. Vordergründig besteht das vordringliche Ziel eines Racheaktes allein darin, den Verursacher leiden zu sehen. Aber Rache ist auch ein soziales Regulativ, das eine ganze Reihe von Funktionen erfüllt.

Rachegefühle richten sich nicht nur auf den materiellen und menschlichen Schaden, den die Zielscheibe dieser Regungen verursacht hat, sagt Vidmar. Der Täter hat mit seiner bösen Tat auch Verachtung für die moralischen Grundsätze des Opfers ausgedrückt und die Überlegenheit seines eigenen Wertesystems demonstriert. "Der wütende Wunsch nach Strafe nährt sich aus dem Verlangen, das zerstörte psychologische Gleichgewicht wieder herzustellen."

Indem man Revanche übt, annulliert man die Verachtung des Täters für das Opfer und bringt die Gültigkeit des eigenen moralischen Wertesystems in Erinnerung. Vergeltungsschläge sollen aber auch das erschütterte Vertrauen in die eigenen Kräfte stärken und das verlorene Ansehen sowie das verlorene Gefühl der Kontrolle reparieren.

Angriff auf die Moral

Umstritten ist in der Psychologie, warum auch Außenstehende ein Bedürfnis nach Rache empfinden, die gar nicht direkt vom jeweiligen Übergriff betroffen sind. Einer Theorie zufolge geht diese stellvertretende Rache auf die menschliche Neigung zur einfühlenden Identifikation zurück: Die Außenstehenden versetzen sich in die Rolle der Opfer und empfinden deren Verletzung nach.

Nach einer anderen Theorie hängt diese "sekundäre" Rache mit der sozialen Natur unseres Moralempfindens zusammen. Ein als bösartig erlebter Angriff auf Fremde ist zugleich eine Attacke auf unsere gemeinsame moralische Werteordnung, die das geordnete Zusammenleben möglich macht. Rachegefühle Außenstehender dienen also deren eigenem Nutzen, weil sie sich gegen die Sabotage der eigenen Lebensqualität richten.

Eine viel grundlegendere Frage ist, ob Vergeltung je ihr Ziel erreicht. Manche Autoren glauben, dass gewalttätige Vergeltung immer einen eskalierenden Zyklus der Gewalt nach sich zieht. Johan M.G. van der Dennen vom Zentrum von für Friedens- und Konfliktforschung in Groningen dagegen schließt aus ethnologischen Befunden, dass Vergeltung durchaus die Sicherheit erhöhen kann. Verwandtschaftsgruppen, die schnell ihre Bereitschaft demonstrieren, sich für erlittene Todesfälle zu revanchieren, erlangen die Reputation, streitbar zu sein und halten Übergriffe ihrer Nachbarn ab. Die Yanomami-Eingeborenen im oberen Orinoko-Gebiet an der Grenze von Venezuela und Brasilien beispielsweise werden wegen ihres aggressiven Renommees seltener angegriffen.

Befriedigt ausgelebte Rache unsere Psyche? "Manche Menschen werden Erleichterung empfinden, manche nicht", sagt etwa die Psychologin Joanne Difede von der Cornell University, die Überlebende des ersten Anschlages auf das World Trade Center 1993 studierte. "Für manche können Militärschläge ein Programm des Wut-Managements sein, das ihnen Gefühle der Stärke wiedergibt."

Es gibt pschychologische Studien, die zeigen, dass das Herauslassen von Wut und Ärger das zu Grunde liegende Gefühl noch verstärkt. Aber keiner weiß, was passiert, wenn ein machtvoller Impuls nach Rache unterdrückt wird und der verabscheute Übeltäter ungestraft entwischt.

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