Psychologie : Wie man erfolgreich altert

Bildung, Arbeit und Freizeit ein Leben lang: Bedingungen für erfolgreiches Altern.

Adelheid Müller-Lissner

Ans Älterwerden denken die meisten Menschen nicht besonders gern. Psychologen sind da eine Ausnahme. „Das Alter ist ein Beispiel dafür, dass die Psychologie viel zum Verständnis von Themen beitragen kann, die den Einzelnen und die Gesellschaft beschäftigen“, sagte Ursula Staudinger, Entwicklungspsychologin an der Bremer Jacobs-Universität.

Ein „gerüttelt Maß an Erkenntnissen“ habe die psychologische Lebensspannenforschung zum Thema Alter und Altern in den letzten Jahren zusammengetragen. Nun sei es endlich an der Zeit, die Erkenntnisse umzusetzen. Zusammen mit Kollegen hat Staudinger anlässlich des 29. Internationalen Psychologiekongresses, der am Freitag endete, eine „Berliner Erklärung zur Lebensqualität älterer Erwachsener“ verfasst. Eine der wichtigsten Forderungen: Bildung, Arbeit und Freizeit sollten das gesamte Leben durchziehen, statt den Menschen in der Abfolge Schule, Beruf, Ruhestand hintereinander in getrennten Lebensphasen zuteil zu werden. Zumindest aber sollte der Mensch auch als Rentner oder Pensionär geistig, körperlich und sozial aktiv bleiben. So lautet auch die erste der „15 Regeln für ein gesundes Älterwerden“, die auf dem Kongress vorgestellt wurden (siehe Infokasten).

Ganz neu sind derlei Empfehlungen nicht, doch sie stehen inzwischen auf solideren Füßen. „Lieben, Laufen, Lernen“, lautet die griffige Formel, auf die Ulman Lindenberger vom Berliner MaxPlanck-Institut für Bildungsforschung die Ratschläge brachte.

Dass ein gutes soziales Netzwerk und enge menschliche Beziehungen dabei helfen, körperlich und seelisch gesund zu bleiben, hat sich in vielen Studien gezeigt. Schon deshalb ist der abrupte Beginn des Rentnerlebens für viele Menschen problematisch. Doch „junge Alte“ haben es meist in der Hand, sich sozial zu orientieren und zu engagieren.

Im hohen Alter jedoch machen die meisten Menschen die meisten Dinge allein und bei sich zu Hause. Das zeigte die Berliner Altersstudie, in der Menschen ab 70 aus dem ehemaligen Westteil der Hauptstadt seit 1990 untersucht und befragt wurden. Beim Kongress stellte Jacqui Smith die neuen Ergebnisse aus der Gruppe der Hochbetagten vor. Fast alle haben mindestens eine chronische Krankheit, drei Viertel der über 90-Jährigen hören oder sehen schlecht. Paul Baltes, der verstorbene Initiator der Berliner Altersstudie, unterschied nicht zuletzt der zunehmenden körperlichen Einschränkungen wegen zwischen dem „jungen“ und dem hohen Alter.

Oft sind es jedoch die Bilder vom gebrechlichen Hochbetagten, die unsere Vorstellungen vom Alter insgesamt bestimmen. Das ist nicht nur falsch, sondern tut uns auch nicht gut: „Wer das Alter mit positiven Inhalten verknüpft, ist gesünder“, sagte Clemens Tesch-Römer vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung in Berlin.

Eher fatalistische Vorstellungen vom Altern könnten dazu führen, dass Senioren ab einem bestimmten Alter den Rat, körperlich aktiv zu sein, nicht mehr annehmen. „Zwei Drittel der Menschen über 70 geben an, dass sie sich nie sportlich betätigen“, berichtete Tesch-Römer. Dabei mehren sich die Hinweise darauf, dass das Laufen (und anderes Ausdauertraining) das Lernen beflügelt. „In der Studie ‚Berlin bleibt fit‘ hat sich gezeigt, dass Frauen über 70 in ihren geistigen Fähigkeiten vom Joggen genauso profitieren wie von einer Computerschulung“, berichtete Ralf Schwarzer von der Freien Universität Berlin.

Bewegt leben, lebenslang lernen – das sind Empfehlungen, die nicht allein für Senioren gelten. Ursula Staudinger findet es denn auch am besten, sich einen gesunden Lebensstil so früh anzugewöhnen, „dass man es automatisch macht und gar nicht mehr darüber nachdenken muss“. In den reiferen Jahren, so vermutet Ursula Staudinger, wird die Neigung des Menschen stärker, Energien zu sparen und Kräfte zu schonen.

Andererseits profitiert er genau dann am meisten davon, dass er sein ganzes Leben lang unermüdlich Neues aufgenommen hat. „Wir haben heute die Vorstellung, dass Menschen sich durch Bildung und Wissen eine Reserve zurücklegen können, durch die intellektuelle Einbußen abgepuffert werden“, erklärt Lindenberger. So zeigen Studien, dass geistiger Verfall (Demenz) bei Gebildeten erst später Einschränkungen zur Folge hat.

Vieles am Altern ist Schicksal. Dafür ist die Demenz leider immer noch ein Beispiel. Doch aus der Psychologie kommt das ermutigende Signal, dass wir es teilweise selbst in der Hand haben, wertvolle Lebenszeit zu gewinnen.

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