Public Viewing : Jubeln ohne Jammer

Wenn am kommenden Freitag die Fußballweltmeisterschaft eröffnet wird, werden wieder Hunderttausende gemeinsam vor den Leinwänden mitfiebern. Solche Großveranstaltungen sind nicht ganz ungefährlich. Doch wer beim Public Viewing einige Regeln beachtet, kann Gesundheitsschäden leicht vermeiden

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Glück in der Gemeinschaft. Public Viewing beim Finale der Fußball-WM 2006. Foto: ddp
Glück in der Gemeinschaft. Public Viewing beim Finale der Fußball-WM 2006. Foto: ddpFoto: ddp

Wie gebannt starren die Zuschauer aufs Spielfeld. Sie stehen eng beieinander und schwitzen, eine drängelnde und schiebende Masse, die sich anrempelt und gegenseitig auf die Füße tritt. Es ist laut und heiß, die Sonne prallt vom Himmel, viele stehen schon seit Stunden hier, ohne Wasser. Als ein Spieler mit dem Ball Richtung Tor rennt, schnellt der Adrenalinpegel nach oben, eine kollektive Erregung wandert durch die Menge und bricht sich schließlich in einem gewaltigen Schrei Bahn. Kein Zweifel – Fußball ist eine körperliche Angelegenheit, nicht nur für die Spieler selbst, sondern auch für die Zuschauer. Und seit die technische Entwicklung der Großbildleinwände das sogenannte Public Viewing ermöglicht hat, ist das gemeinsame Gruppenjubeln auch nicht mehr auf die Stadien beschränkt. Wenn am Freitag die Fußball-WM in Südafrika eröffnet wird, erwartet die FIFA 200 000 Menschen zu den Übertragungen vor dem Berliner Olympiastadion, ab 23. Juni sogar 500 000 auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor.

Bernd Leidel weiß, was da so alles passieren kann. Der stellvertretende ärztliche Leiter der Rettungsstelle am Klinikum Benjamin Franklin kommt aus München und war, bevor er an die Charité ging, bei der deutschen Großveranstaltung schlechthin im Einsatz: Dem Oktoberfest. „Bei heißem Wetter ist das größte Problem, dass die Leute zu wenig trinken“, sagt er. Die Folge kann ein Hitzschlag sein: Wegen des Flüssigkeitsverlustes stockt die Durchblutung, das Hirn empfängt zu wenig Sauerstoff, der Betroffene wird ohnmächtig – eine „Sicherung der Natur“, wie es Leidl nennt. Denn bei einer Ohnmacht gerät der Körper automatisch in die Horizontale, das Blut verteilt sich besser. „Wenn sie doch etwas trinken, dann meist das Falsche“, so Leidel. Bei Alkohol steigen die Aggressionen, die Hemmschwelle sinkt, Prügeleien sind die Folge, bei denen es auch schon mal zu schweren Verletzungen kommen kann. Laut Leidel kommen während Großveranstaltungen wie Public Viewing in der Tat mehr Fälle auf die Rettungsstation. Vieles könne allerdings direkt von den Sanitätern vor Ort behandelt werden.

Für Krankenkassen ist es natürlich am besten, wenn ihre Mitglieder gar nicht erst krank werden. Und da Fußball ein Thema ist, bei dem jeder hinhört, geben sie in ihren Mitgliederzeitschriften und online Tipps, wie man gesundheitliche Schäden beim öffentlichen Gucken in der Menge vermeiden kann. „Trinken Sie deutlich mehr als sonst“, sagt etwa Katharina Graffmann-Weschke, Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin bei der AOK Berlin-Brandenburg. Ein bis zwei Liter Wasser, Mineralwasser oder Apfelsaftschorle am Tag seien angemessen, und zwar nicht auf einmal, sondern schlückchenweise. Vor der Sonne schützen sollte sich generell jeder, besonders aber Kinder, Senioren und Menschen, die regelmäßig Medikamente zu sich nehmen müssen. Am besten sei dafür leichte Kleidung, die den Kopf und den Nacken bedeckt. Welche Sonnenschutzcreme man benutzt, – und mit welchem Schutzfaktor – , hängt vom individuellen Hauttyp ab. Gut seien, so Graffmann-Weschke, außerdem Sonnenbrillen, die nicht nur dunkle Gläser besitzen, sondern einen richtigen UV-Schutz. Um Lärmschäden zu vermeiden, empfiehlt sie Ohrstöpsel und eine längere Ruhepause für die Ohren nach dem Spiel, damit sich die Zellen im Innenohr erholen können. Für diejenigen, die beim Gucken zu Hause bleiben, hat die AOK ein spezielles Übungsprogramm für die Halbzeitpause erstellt, bei dem der Ball mit einem Knie, mit beiden Knien und dann zusätzlich mit dem Kopf gespielt wird. Wer tatsächlich alle 64 Spiele guckt und jedes Mal 15 Minuten übt, hat auf diese Weise am Ende der WM mehrere Stunden Sport gemacht und Balance und Körpergefühl dabei trainiert.

Doch wer glaubt, Fußballgucken in den eigenen vier Wänden sei generell ungefährlicher und gesünder, der irrt. 2006 fanden Wissenschaftler um die Ärztin Ute Wilbert-Lampen am Münchner Klinikum Grosshadern in einer Studie heraus, dass bei der letzten WM während der Spiele der deutschen Mannschaft fast drei Mal so viele Männer (Frauen etwas seltener) mit Herzinfarkt und Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden als während mehrerer Vergleichszeiträume ohne Weltmeisterschaft. Höhepunkt war das Spiel Deutschland gegen Argentinien am 30. Juni 2006 mit über 60 Vorfällen. Damit war erstmals ein direkter Zusammenhang zwischen der Anspannung beim Fußballgucken und einem erhöhten Herzinfarktrisiko nachgewiesen worden. „Die Studie war sehr gut gemacht“, sagt Dietrich Andresen, Herzexperte und Chefarzt der Kardiologie am Vivantes Klinikum am Urban. „In der Tat kann eine psychosoziale Stresssituation zu plötzlicher Störung der Herzfunktion führen.“ Andresen leitet das Team, das die Folgestudie erstellt, bei der die Ergebnisse der Europameisterschaft 2008 ausgewertet werden. Besonders Menschen, deren Herzprobleme bereits bekannt sind, rät er, Stress möglichst zu vermeiden und während des Spiels auch mal den Raum zu verlassen, um sich nicht zu sehr aufzuregen. „Und natürlich sollten die Angehörigen wissen, wie man im Notfall Wiederbelebungsmaßnahmen einleitet und den Rettungsdienst ruft.“

Egal ob drinnen oder draußen – alleine werden sich die wenigsten die Spiele anschauen. „In der Gemeinschaft, und vor allem in größeren Massen, vervielfältigen sich die Emotionen und Stimmungen“, sagt Dieter Kleiber, Professor für psychosoziale Gesundheitsforschung am Fachbereich Psychologie der Freien Universität. Durch den Konformitätsdruck würden positive Gefühle wie Freude und Glück intensiviert – aber leider auch negative wie Aggression und Wut. Trotzdem: Mehr Spaß macht das Fußballgucken in der Gemeinschaft allemal. Und das ist auf jeden Fall gesund.

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