Gesundheit : Publikumsforschung: Was war dran an dem Mann?

Sibylle Salewski

Die Kritiker hatten meist nur müden Spott für ihn, doch die Frauen sollen ihm zu Füßen gelegen haben. Widerstandslos lässt Harry Liedtke sich in "Ich küsse ihre Hand Madame" auf der Leinwand von der damals noch völlig unbekannten Marlene Dietrich ohrfeigen. Als Antwort hat er nichts als ein Lächeln. Harry Liedtke war einer der beliebtesten deutschen Stummfilmschauspieler der zwanziger Jahre, ein Star: Es gab Liedtke-Poster und Postkarten, jährlich wurden zwischen zehn und 13 Filme mit ihm gedreht. Heute ist der Star von einst vergessen, Kopien der Filme von damals sind kaum noch zu bekommen, die Filmgeschichtsschreibung ist an Liedtke vorbeigegangen.

Was war dran an dem notorischen Lächler, über den sich die Kritiker belustigten? Warum war er bei einem weiblichen Publikum so beliebt? Diesen Fragen versuchte Maren Dorner, Historikerin aus Berlin, auf einem Workshop des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Technischen Universität Berlin nachzugehen. Die Teilnehmerinnen waren auf der Suche nach dem Publikum: Wer liest eigentlich Bücher und wer schaut Filme und wie macht sich das Publikum das, was es liest oder sieht, zu Eigen? Dabei ging es insbesondere um die Frage, welche Rolle Männer- und Frauenbilder bei der Rezeption von Büchern und Filmen spielen.

Wieso also hatte Liedtke eine solche Ausstrahlung, wieso wurde er von den meist männlichen Kritikern so verachtet? Dorners Vermutung: Die Figur Liedtke war ein Gegenentwurf zu vielen gängigen Männerbildern. "In Liedtkes Mimik spiegelte sich fast unmittelbar die Verfassung seiner weiblichen Gegenüber", erklärte Dorner. Liedtke sei also eine Alternative gewesen zum Bild vom starken Mann.

Von Emile profitierten auch die Töchter

Wie sich ein Publikum gegen die ihm vorgesetzten Geschlechterbilder wehren kann - und das auch getan hat, zeigte die Berner Historikerin Brigitte Schnegg am Beispiel von Rousseau. Manch eine Feministin hat sich mit dem Frauenbild, das Rousseau in seinem Roman "Emile" zeichnet, auseinandergesetzt. Doch dieser Roman, so Schneggs These, wurde ganz anders vom Publikum aufgenommen und interpretiert, als man vermutet. In dem Werk geht es um die Erziehung des Kindes Emile: Er soll natürlich aufwachsen, frei krabbeln können und nicht fest gewickelt werden.

Rousseaus Roman aus dem 18. Jahrhundert löste eine Wende in der Kindererziehung aus, Mütter fingen an, ihre Kinder wie Emile aufwachsen zu lassen. Das Erstaunliche daran: Sie erzogen sowohl die Jungen als auch die Töchter nach diesem Muster, so Schnegg. Dabei gibt es bei Rousseau selbst eine klare Trennung: Während Emile neu, frei und natürlich erzogen werden soll, lehnt Rousseau dies im letzten Kapitel des Romans, in dem es um die Erziehung der künftigen Gattin Sophie geht, für Mädchen ab. Für Frauen will er bei der traditionellen Haltung bleiben: Klassisch sollen sie erzogen werden, denn die Frau ist dazu da, dem Mann zu gefallen. Doch die Leser übertrugen dennoch das freiheitliche Erziehungsideal für den männlichen Emile auch auf Mädchen. Das im Roman gezeichnete Bild der Sophie fand allerdings trotzdem Verwendung. Es ging in die Vorstellung von der aufopferungsvollen Gattin ein.

Leserbrief und Tagebuch

Schnegg stützte ihre These über die Rezeption von Emile auf private Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Wie die meisten anderen Referentinnen, die versuchten, sich der "Black Box" Publikum, wie Ulrike Weckel es formulierte, zu nähern, wertete Schnegg also die einzigen Quellen aus, die etwas darüber verraten können, wie ein Werk aufgenommen wurde: Äußerungen der Zeitgenossen, die sie in irgendeiner Form festgehalten haben. Inwieweit die Gruppe derjenigen, die ihre Reaktionen niederschrieben, repräsentativ für ein breiteres Publikum war, blieb eine der immer wieder gestellten Fragen der Tagung.

Auch für Kerstin Barndts Arbeit spielt dieses Problem eine wichtige Rolle. Die Literaturwissenschaftlerin zeichnete anhand einer Leserbriefdebatte im sozialdemokratischen "Vorwärts" die Reaktion auf Irmgard Keuns Roman "Gilgi, eine von uns" nach. Das Blatt hatte diesen 1931 seitenweise als Fortsetzungsroman abgedruckt. Wie nahmen Frauen die in dem Roman entworfene Lebensgeschichte der unpolitischen Angestellten Gilgi auf und welche Schlüsse zogen sie daraus für ihr eigenes Leben, fragt Barndt.

Sie entdeckte, dass sich auch in der Debatte um Gilgi der damalige Streit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten wiederspiegelte. Wo Frauengruppen der Kommunistischen Partei den Roman als Kitsch verwarfen und in der Figur der Gilgi eine Frau sahen, die die geschlossene Front der Arbeiterinnen durchbrach, versuchten sozialdemokratische Kreise mit Gilgi sogar Stimmen von Wählerinnen zu mobilisieren. Für sie war sie das Portrait einer Angestellten, die mit den schwierigen Bedingungen ihrer Zeit klarkommen musste - eben "eine von uns".

Der Workshop soll eine Fortsetzung finden, hofft die Organiatorin Ulrike Weckel. Das nächste Mal könnte es dann um das Publikum von Kunstausstellungen oder Theatern gehen.

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