Gesundheit : Publizisten ohne Personal

Studierende kritisieren Situation an der FU Berlin

Kathrin Zahn

Überfüllte Seminare, überlastete Dozenten – das sind die üblichen Symptome einer Massenuniversität. Am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität Berlin (FU) aber scheint die Lage zu eskalieren. Der 27-jährige Thorsten, der gerade mit seinen Abschlussprüfungen begonnen hat, klagt über katastrophale Verhältnisse. Die Termine für seine mündlichen Prüfungen würden ständig verschoben, er könne sich nicht richtig vorbereiten, weil er seinen Prüfer kaum zu fassen kriegt. Neulich habe er ihn dann zufällig auf dem Parkplatz getroffen – und dort sein Anliegen vorgetragen.

Personalmangel ist das größte Problem des Instituts. In den vergangenen zwei Jahren sind zwei Professoren gestorben, vier haben sich in den Ruhestand verabschiedet. Nach einer Neubesetzung lautet die aktuelle Zwischenbilanz: Von acht Lehrstühlen sind nur drei fest besetzt. Den Rest besorgen Vertretungen. Und die haben es nicht leicht. „Nackte Arbeitsbereiche“, nennt Hans-Jürgen Weiß, Geschäftsführender Institutsdirektor, die Bedingungen, unter denen die Kollegen lehren. Die Vertretungskräfte hätten keinen Mitarbeiterstab, der sich um die 797 Studierenden kümmern könnte. Und die Zählung der FU erfasst nur die Studenten, die sich innerhalb der Regelstudienzeit von acht Semestern bewegen. FU-Präsident Dieter Lenzen räumt ein, dass sich das Studium für die angehenden Publizisten gegenwärtig darüber hinaus verzögern könne.

„Wir haben alles getan, was getan werden kann“, betont Lenzen. Dass sich die Missstände bei den Publizisten als so dauerhaft erweisen, hat für ihn externe Gründe. Eine Stelle werde voraussichtlich zum Sommersemester besetzt, eine weitere sei ausgeschrieben. Jedes Berufungsverfahren sei „ein langatmiger Prozess“. Am Ende sage der Senator, „ihm passt die Nase nicht“ – und alles gehe von vorne los. Da zeige sich, wie problematisch es sei, wenn das Berufungsrecht beim Land liegt und nicht bei der Uni.

„Mit den Provisorien werden wir noch lange leben müssen“, glaubt Institutsdirektor Weiß. Ein provisorisches Studium? Publizistikstudentin Katharina ist fassungslos. Ihre Magisterarbeit schreibt sie inzwischen lieber in ihrem zweiten Hauptfach Kulturwissenschaften. Geplant war das anders. „Ich habe total motiviert angefangen“, sagt sie. Doch in ihrem letzten Semester sagt die 27-Jährige, sie habe das Gefühl, „hier nicht viel gelernt zu haben“. Ihr fehlen ein ausgewogenes Lehrangebot und der persönliche Kontakt zu den Dozenten.

Dass die Studierenden ihren Abschluss unbedingt bei einem ihnen vertrauten Prüfer machen wollen, kritisiert Weiß. „Man muss den Sprung machen, zu jemandem zu gehen, den man nicht kennt.“ Über Kollegen, die noch Prüfungskapazitäten frei haben, hat der Institutsleiter zu Semesterbeginn in einer Veranstaltung informiert – zum Ärger einiger Dozenten.

Im Vorlesungsverzeichnis werden im laufenden Semester immerhin 31 Seminare angeboten. Doch seit es Publizistik auch als Bachelor-Studiengang gibt, müssen die Magister-Studenten draußen bleiben, wenn ein Seminar zu voll ist.

Der Studiengang soll möglichst schnell komplett umgestellt werden. Für den Magisterstudiengang sind Neueinschreibungen nicht mehr möglich. Dass momentan noch die Mehrheit auf Magister studiert, liegt auch an Quereinsteigern aus höheren Semestern von anderen Unis. Institutsleiter Weiß spricht von einem „politischen Fehler“. Präsident Lenzen sieht die Verantwortung bei den Studenten. Die müssten sich fragen, ob es sinnvoll sei, jetzt nach Berlin zu wechseln. Katharina sagt, sie frage sich inzwischen, wie sinnvoll es überhaupt war, Publizistik an der FU zu studieren.

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