Gesundheit : Punkt für Punkt

Die klassischen geisteswissenschaftlichen Studiengänge laufen aus. Alles soll anders werden

Dorothee Nolte

Es wird ernst. Wer jetzt noch nicht weiß, was ein Modul oder ein Leistungspunkt ist, der sollte sich schleunigst schlau machen: Die Umstellung auf den Bachelor ist an den Berliner Universitäten in vollem Gange. Zwar gibt es auch jetzt schon Bachelor-Studiengänge, doch waren bisher überwiegend kleinere Fächer mit wenigen Studenten betroffen. Nun aber sind die großen dran. Und gerade Geisteswissenschaftler und Lehramtsanwärter kommen um den Bachelor kaum mehr herum.

Zwei Beispiele: Der Fachbereich „Philosophie und Geisteswissenschaften“, einer der größten an der Freien Universität mit zwölf Studiengängen, stellt als erster Fachbereich sein Angebot komplett auf Bachelor und Master um. Soll heißen: Wer im Herbst ein Studium der Germanistik, Romanistik oder Anglistik aufnehmen möchte, ob als Lehramtskandidat oder nicht, muss sich zum Bachelor bekennen. Einen Magister- oder Diplomabschluss können nur noch diejenigen erwerben, die bereits im Studium drinstecken. Zum Wintersemester 2005/06 soll der Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften folgen. Ähnlich an der Humboldt-Uni: Die Philosophische Fakultät II mit Germanisten, Slawisten, Anglisten und Skandinavisten, wird ab Herbst für die Neuimmatrikulierten nur noch Bachelor-Studiengänge anbieten.

„Ein Riesenschritt nach vorne“, sagt Holger Heubner, der in der zentralen Univerwaltung der FU für die Einführung der Studiengänge zuständig ist. „Gerade in den geisteswissenschaftlichen Fächern herrscht bisher große Beliebigkeit. Mit dem Bachelor bringen wir einen roten Faden ins Studium, erleichtern die Orientierung und erhöhen die Verbindlichkeit.“

Nehmen wir die fiktive Studienanfängerin Annette P. Wörter wie „Semesterwochenstunden“ oder „Zwischenprüfung“ braucht sie sich gar nicht einzuprägen; alles Schnee von gestern. Stattdessen wird sie lernen, dass es in ihrem Bachelor-Studiengang „Deutsche Philologie“ an der FU eine „Grundlagen–“, eine „Aufbau–“ und eine „Vertiefungsphase“ gibt, die sie in sechs Semestern bewältigen sollte. In jeder dieser Phasen wird sie „Module“ belegen, das sind mindestens zwei thematisch aufeinander bezogene Lehrveranstaltungen: In der Grundlagenphase etwa sind vier Module vorgeschrieben, eine Vorlesung und eine Übung oder je zwei Seminare zur „Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft“, in die „Linguistik“, die „Ältere deutsche Literatur und Sprache“ sowie die „Techniken literatur- und sprachwissenschaftlichen Arbeitens“. An der FU spezialisiert sich die Studentin erst in der Vertiefungsphase im dritten Jahr auf Neuere Literatur, Ältere Literatur oder Linguistik; die HU bietet eigene Bachelor-Studiengänge „Deutsch“ (auch für Lehramtskandidaten), „Deutsche Literatur“, „Historische Linguistik“ und „Germanistische Linguistik“ an.

Jedes Modul wird mit einem Leistungsnachweis, etwa einer Klausur, abgeschlossen; auf diese Weise erwirbt die Studentin „Leistungspunkte“ (an der Humboldt-Uni „Studienpunkte“), die jeweils einem angenommenen Arbeitsaufwand von 30 Stunden entsprechen. Sie fließen, zusammen mit der Bachelor-Arbeit von rund 25 Seiten am Ende des Studiums, in die Abschlussnote ein. „Die Leistungen werden also kontinuierlich geprüft“, erklärt Heubner. „Dadurch steigt der Beratungs- und Betreuungsaufwand.“ Die Professoren müssen die Prüfungsleistungen bewerten, die Studenten müssen ihre Anwesenheit in den Seminaren nachweisen, Kurse können sinnvollerweise nicht mit mehr als 40 Teilnehmern abgehalten werden.

Für Matthias Dannenberg, Verwaltungsleiter des FU-Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, und viele andere bedeutete die Umstellung zunächst einmal Arbeit: Jeder Studiengang musste eine neue Studien- und Prüfungsordnung entwickeln, es hieß, Studieninhalte in Modulen zu organisieren, den Arbeitsaufwand für die Studierenden zu berechnen, Zeitpläne aufzustellen... „Eine Herkules-Arbeit“, stöhnt Dannenberg. Trotzdem sieht er vor allem Vorteile. „Im Moment sind doch unsere Studienzeiten viel zu lang, und wir bringen zu wenige Studenten zum Abschluss. Diese Probleme können wir mit der alten Studienordnung nicht lösen.“

Noch ein Problem, das der Bachelor lösen soll: der mangelnde Praxisbezug der alten Studiengänge. Annette P. muss insgesamt 180 Leistungspunkte erwerben: 90 aus ihrem Kernfach (ehemals „Hauptfach“) Deutsche Philologie, 60 aus einem oder zwei anderen Fächern (früher: „Nebenfächer“) und, das ist neu: 30 Punkte aus der „Allgemeinen Berufsvorbereitung“, wie es an der FU heißt, oder „Berufsfeldbezogenen Zusatzqualifikation“ (HU). Das können Fremdsprachen- oder Computerkurse sein, aber auch Seminare in Schlüsselqualifikationen; für Lehramtsstudenten erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Kurse. Alle Bachelor-Studierenden müssen ein Praktikum nachweisen.

Unter Professoren und Studierenden ist die Haltung zum Bachelor gemischt; viele haben sich noch nicht damit beschäftigt, andere befürchten eine „Verschulung“. Aber klar ist: Der „Bologna-Prozess“, die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem in ganz Europa, ist nicht mehr rückgängig zu machen. „Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie“, sagt Barbara Gollmer von der Philosophischen Fakultät II der HU.

Im „Wie“ liegen aber noch genug Schwierigkeiten. Wird die nötige Betreuung – bei sinkendem Personal – tatsächlich gewährleistet sein? Können alle Studierenden einen Praktikumsplatz finden? Werden alle Studiengänge vom Akkreditierungsrat anerkannt? Können zum Wintersemester genauso viele Studenten zugelassen werden wie bisher, obwohl der Betreuungsaufwand pro Bachelor-Student höher ist? Die Unis wollen die Zahlen senken, die Senatsverwaltung nicht.

Und: Wie viele der neuen Bachelors werden einen Master draufsetzen können? Was ist mit denen, die einen lehramtsbezogenen Bachelor-Studiengang abgeschlossen haben und nicht zum Master – den sie zur Ausübung des Berufs brauchen – zugelassen werden? „Alles ungeklärt“, sagt Barbara Gollmer. „Das wird noch ein ganz heißes Thema.“

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