Gesundheit : Punktlandung in der Unendlichkeit

Eine europäische Raumsonde soll nach neunjährigem Flug auf einem nur anderthalb Kilometer großen Eisball aufsetzen

Thomas De Padova

Der Komet „Wirtanen“ gehört zu den Winzlingen in unserem Sonnensystem. Der dunkle Schneeball ist nur anderthalb Kilometer groß. Aber alle fünfeinhalb Jahre kommt er aus den eisigen Regionen unseres Planetensystem hervor, rast mit einer Geschwindigkeit von 135000 Kilometern pro Stunde auf die Sonne zu und bildet kurzzeitig einen kleinen Schweif.

Die Europäische Weltraumorganisation Esa hat sich zum Ziel gesetzt, diesen rasenden Eisklumpen zu erreichen. Die Raumsonde „Rosetta“ soll nach neunjähriger Reise auf den kleinen Kometen treffen – 800 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sie soll ihn umkreisen und eine kleine Landekapsel auf dem Kometen absetzen, um dessen Zusammensetzung zu erforschen und zu beobachten, wie der Komet seinen Schweif entfaltet, während er der Sonne entgegeneilt. Wenn dieser Coup gelingt, wäre es der zweite große Erfolg für die europäischen Kometenforscher, die schon beim nahen Vorbeiflug am Kometen „Halley“ im Jahr 1986 in der ersten Reihe saßen.

Die „Rosetta“-Raumsonde hätte eigentlich heute mit einer Ariane-5-Rakete starten sollen. Doch als wäre die Herausforderung, das ferne Ziel zu erreichen, nicht bereits groß genug, hat sich die Spannung noch einmal erhöht: Die nagelneue Ariane-5-Plus-Rakete musste kürzlich bei ihrem Jungfernflug nach einem Defekt im Kühlsystem gesprengt werden. Mit ihr gingen zwei Kommunikationssatelliten verloren.

„Die Betreibergesellschaft Arianespace darf sich nun keinen weiteren Fehler leisten“, sagt Berndt Feuerbacher, Direktor des Instituts für Raumsimulation am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. „Das wäre sonst ihr wirtschaftliches Aus.“

Feuerbacher, der zusammen mit seinen Mitarbeitern die Landekapsel gebaut hat, fiebert nun dem Starttermin entgegen, der nach dem Ariane-Unglück in den Sternen steht. Der Abflug kann frühestens am 23. Januar erfolgen, wie die Europäische Weltraumorganisation am Wochenende mitteilte. Und es darf keine weiteren Verzögerungen oder Pannen mehr geben.

Denn die „Rosetta“-Raumsonde muss im Januar losfliegen, um den Kometen noch einholen zu können. Sie muss dabei den im Voraus berechneten Kurs exakt einhalten, einmal am Mars und zweimal an der Erde vorbeifliegen, um genügend Schwung für die lange Reise zu holen (siehe Grafik). Ansonsten wären acht Jahre Vorbereitungen der Forscher und Techniker umsonst gewesen. Der Komet wartet nicht.

Von der Landung auf „Wirtanen“ verspricht sich Feuerbacher einen neuen Einblick in die Entstehung unseres Sonnensystems und der Erde. Denn unser Planet ist aus der Kollision und Verschmelzung kleiner Himmelskörper hervorgegangen. Es waren vor allem Gesteinsbrocken aus der näheren Umgebung, die unsere Erde formten. Aber auch die aus der Ferne kommenden Kometen lieferten einen wichtigen Beitrag: Die hier einschlagenden Eisbälle brachten eine Menge Wasser und organische Substanzen mit, ohne die das Leben auf unserem Planeten vielleicht nicht entstanden wäre.

Bereits beim Flug zum Kometen „Halley“ entdeckten Forscher des Max-Planck-Instituts für Aeronomie in Katlenburg-Lindau auf dessen Oberfläche eine Mischung aus Eis und Staub und etlichen komplexen Molekülen. Mit Hilfe der Instrumente an Bord der „Rosetta“-Landekapsel könnten sie nun feststellen, ob die Kometen – wie allgemein vermutet – auch lebenswichtige Aminosäuren mit sich tragen.

„Wenn es solche Moleküle überall im All gibt, dann ist die chemische Basis für das Leben überall im Universum gleich“, sagt Feuerbacher. Und damit wäre die Chance recht hoch, dass sich die Moleküle auch anderswo im Kosmos zu langen Kohlenstoffketten verbinden, um schließlich – unter geeigneten Umweltbedingungen – primitive Lebensformen zu bilden.

Der Komet „Wirtanen“ gibt seine chemische Zusammensetzung jedoch nicht ohne Weiteres preis. Die Reise dorthin dauert neun Jahre. „Ich werde dann schon nicht mehr im Einsatz sein“, sagt Feuerbacher. Er hofft indessen, noch mehr junge Leute für eine derart langwierige und ehrgeizige Forschungsreise gewinnen zu können. Eine Entdeckungsreise, die viel verspricht – aber schon am Start zu scheitern droht.

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