Gesundheit : "Quengelnde Erwachsene brauchen Ruhe" - Auszüge aus Loriots Rede an die Jugend

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Liebe Neuimmatrikulierte und Studenten der FU Berlin, hochverehrte Exzellenz, hochverehrte Magnifizenzen und Spektabilitäten

(...) Euch jungen Menschen hat man in dichter Folge ziemlich übel mitgespielt. Ihr wurdet entbunden, der Brust entwöhnt, in die Schule gezwungen, zum Abitur genötigt und wieder an die Luft gesetzt. Da seid Ihr nun und erwartet Kluges aus dem Munde eines alten Mannes.

Der kann sich auf verschiedene Weise blamieren. Zum Beispiel mit dem Versuch, nach Vollendung des 75. Lebensjahres eine Rede an die Jugend zu halten. Schon die schelmisch vorgetragene Behauptung "Ich bin auch mal jung gewesen" wirkt ziemlich unwahrscheinlich. Das ist auch gar nicht zu beweisen. Wer hat denn schon gesehen, dass ich klein war? Niemand! (...) Es ist doch verhängnisvoll, dass Eltern früher auf die Welt kommen als ihr Kind. Dadurch entwickeln sie vorzeitig ein ungutes, durch nichts begründetes Überlegenheitsgefühl. Kämen Eltern und Kinder gleichzeitig auf die Welt, wüchsen sie gemeinsam, in wohltuender Chancengleichheit in ihre Aufgaben hinein.

(...) Kein Wunder, dass die sogenannten Erwachsenen hinsichtlich der Lebensgewohnheiten der Jugend völlig im Dunkeln tappen. Hier bedarf es behutsamer Nachhilfe. Kinder sollten ihre Eltern rechtzeitig daran gewöhnen, abends nicht zu lange aufzubleiben. Quengelnde, übermüdete Erwachsene benötigen Ruhe, um für die Anforderungen des Lebenskampfes gerüstet zu sein, während die Jugendlichen den endlich freigewordenen Wohnraum nutzen für entspannte Geselligkeit mit ihren gleichaltrigen Freunden.

Vor allem sollte genügend Zeit zum Fernsehen bleiben. Die Universitäten neigen dazu, durch ein überreichliches Arbeitspensum das geregelte Fernsehen zu erschweren. Ihr aber solltet nicht nachlassen, vor allem die Werbung intensiv zu verfolgen, die ja leider alle paar Minuten durch unverständliche Spielfilmteile unterbrochen wird.

(...) Hinzu kommt, dass sich moderne Geräte in den Augen der älteren Generation so gut wie nicht mehr voneinander unterscheiden. Wenn das Handy läutet und man hält den Rasierapparat ans Ohr, können Sekunden vergehen, die über Leib und Leben entscheiden. Von Zufall kann hier wohl nicht die Rede sein. Vielmehr soll dem als störend empfundenen älteren Menschen die Teilnahme am Fortschritt systematisch verleidet werden.

(...) Wie alle Väter und Großväter bedaure ich zutiefst, meine Erfahrungen nicht weitergeben zu können, weil sie weder erwünscht sind, noch glaubhaft erscheinen. So bleibt mir nur die Hoffnung, Ihr werdet nicht auf sämtliche Knöpfe drücken, die Euch eine schrankenlose Technik zur Verfügung stellt. Vielleicht seid Ihr dann die erste kluge Generation, die den wirklichen Fortschritt darin erkennt, nicht alles zu tun, was machbar ist. Ich danke Euch.

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