Gesundheit : Radikalreform

Uwe Schlicht

Die Reform der Lehrerbildung ist überfällig, aber bisher gibt es nur zahme Vorschläge zur Änderung. Die Kultusminister haben sich von den Schulpolitikern ihre Ideen diktieren lassen und ein Papier mit wenig Neuerungen vorgelegt. Die Hochschulrektorenkonferenz war auch nicht sehr innovativ. Aber der Wissenschaftsrat prescht jetzt mit radikalen Vorschlägen vor: Auch die Lehrerbildung soll nach dem Muster von Bachelor und Master organisiert werden.

Schon jetzt ist es sicher, dass die Empfehlungen einen Sturm der Entrüstung auslösen werden. Warum? Die Ausbildung der Grundschullehrer und Primarlehrer soll an die Fachhochschulen verlagert werden. Weil diese Lehrer viele Fächer gleichzeitig unterrichten müssen und altersgemäß besonders mit Erziehungsproblemen konfrontiert werden, wird ihr Studiengang Fächer übergreifend und stark erziehungswissenschaftlich ausgerichtet.

Sobald jedoch die Sekundarstufe I beginnt und damit der in viele Fächer aufgesplitterte Unterricht, soll auch künftig die vertiefte Ausbildung in zwei Fächern - ob Deutsch und Englisch, oder Geschichte und Mathematik - zunächst im Mittelpunkt stehen: Das gilt für alle Lehrer der Sekundarstufe I, ob an Realschulen, Gesamtschulen oder Gymnasien. Die vertiefte Fachausbildung für die Sekundarstufe I findet dann an den Universitäten statt, und zwar in Bachelorstudiengängen. Erst im anschließenden zweijährigen Masterstudium kommen die Pädagogik, die Psychologie, die Soziologie und vor allem die Fachdidaktik geballt auf die Studenten zu. Mit dem Master erreichen sie die Berufsfertigkeit für den Lehrer - mit dem Bachelor noch nicht. Auch das wird einen Sturm der Kritik auslösen, weil eigentlich von Anfang an die Integration von Fachausbildung und Erziehungswissenschaften im Studium ein Dogma ist. Nur gelingt das viel zu selten.

Der Wissenschaftsrat verspricht sich von dieser Zweiteilung mehrere Vorteile: Der Student muss noch nicht mit der Immatrikulation entscheiden, ob er Lehrer werden will. Und der Staat kann als Abnehmer der künftigen Lehrer unabhängiger werden von den "Schweinezyklen" eines hohen Einstellungsbedarfs und den nachfolgenden Zeiten, da kaum noch neue Lehrer in die Schulen geholt werden, weil die meisten Stellen vergeben sind. Hinzu kommt: Quereinsteiger, die nach dem Fachstudium ihre Liebe zum Lehrerberuf entdecken, können sich zu einem späteren Zeitpunkt über den Master noch für den Schuldienst qualifizieren.

Im Wissenschaftsrat haben beide Kommissionen, die der Wissenschaftler und die der Bundes- und Landespolitiker, der Radikalreform zugestimmt. 15 Länder sind für die Neuordung. Das findet der Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Winfried Benz, fast sensationell. Natürlich verbindet der Wissenschaftsrat mit seinen radikalen Vorschlägen zwei alte Wünsche: Er möchte in so gut wie allen Studiengängen, damit auch in denen, die bisher mit einem Staatsexamen abschließen, die Stufung in Bachelor und Master durchsetzen. Und er möchte den Ausbau der Fachhochschulen forcieren, indem dort neue praxisorientierte Berufe angeboten werden.

Die Chance, über diesen Weg die Staatsexamina durch Hochschulabschlüsse zu ersetzen, liegt auf der Hand. Zumindest soll der Bachelor nicht mit dem Staatsexamen abschließen, vielleicht der Master, der die eigentliche Befähigung zum Lehrerberuf bringt. Oder das Staatsexamen könnte erst ganz am Ende des Referendariats vor der endgültigen Übernahme in den Schuldienst stehen - der Wissenschaftsrat lässt alle Möglichkeiten zur Erprobung offen.

Außerdem möchte der Wissenschaftsrat eine radikale Verkürzung der Studienzeiten erreichen: Bisher verbringen die künftigen Lehrer vielfach sieben Studienjahre an der Hochschule und zwei weitere Jahre im Referendariat. Dem Wissenschaftsrat schwebt dagegen der Abschluss der Lehrerbildung nach spätestens sechs Jahren vor - vorausgesetzt, das Referendariat wird auf ein Jahr verkürzt und die Studienzeit zuvor lässt sich auf fünf Jahre begrenzen.

Besoldung als Reformhindernis

Dass die Lehrerausbildung in Deutschland bisher die Studenten in einer kaum zu bewältigenden Ungewissheit belässt, was an Fachwissen und was an erziehungswissenschaftlichen Kenntnissen sie für den Beruf benötigen, ist eines der Hauptübel der bisherigen Praxis. Genauso unerträglich empfindet es der Wissenschaftsrat, welches geringe Ansehen die Lehrerbildung an den Universitäten genießt. Die Lehrerbildung soll auch in der Forschung aufgewertet werden. Endlich sei den Fachdidaktiken der gebührende Platz bei der Frage einzuräumen, was aus dem breiten Angebot der Fächer überhaupt unterrichtet werden soll und wie es die Kinder und späteren Jugendlichen ihrem Alter gemäß lernen sollen. Solche Fragen durch empirische Forschung stärker zu untermauern, hält der Wissenschaftsrat für dringend geboten. Deswegen braucht die Lehrerbildung einen festen Platz mit allen Fachdidaktiken und erziehungswissenschaftlichen Disziplinen in einem gesonderten Fachbereich - einem Zentrum für die Lehrerbildung.

Völlig ungewiss ist, ob die Innenminister und Finanzminister die unterschiedliche Ausbildung der Lehrer an Fachhochschulen und Universitäten dazu benutzen, weiter an der Einstufung der Hochschulabsolventen in den gehobenen oder höheren Dienst festzuhalten. Das würde aus der Sicht des Wissenschaftsrats die Reform gefährden. Seit acht Jahren prangert der Wissenschaftsrat vergeblich diese unterschiedliche Besoldung an, weil sie das größte Reformhindernis zur Aufwertung der Fachhochschulen darstellt.

Überhaupt ist sich der Wissenschaftsrat der Radikalität seiner Vorschläge so bewusst, dass er empfiehlt, die Neuordung zunächst in Modellversuchen zu erproben und nach fünf oder zehn Jahren Bilanz zu ziehen.

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