Gesundheit : Rätselraten über Mexikos Mondpyramide aus dem 5. Jahrhundert

Klaus Blume

Vor 1500 Jahren war Teotihuacan eine der größten Städte der Welt. Als in Europa das Römische Reich unter den Schlägen von Goten und Vandalen zusammenbrach, Straßen verrotteten und Städte sich entvölkerten, blühte mitten in Mexiko eine Metropole mit Villen und Palästen, mit einer Kanalisation, kilometerlangen Avenidas und schätzungsweise 175 000 Einwohnern.

Längst ist die knapp 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt gelegene Ruinenstätte von Teotihuacan mit der 63 Meter hohen Sonnenpyramide und der 46 Meter hohen Mondpyramide zu einer Touristenattraktion geworden. Doch auch für Wissenschaftler bleibt sie ein ergiebiges Feld. Unter der Mondpyramide gelangen ihnen in jüngster Zeit Aufsehen erregende Funde.

Mexikanische Archäologen haben gemeinsam mit Kollegen aus den USA seit 1998 die Mondpyramide untertunnelt. Sie fanden heraus, dass der Monumentalbau eigentlich aus fünf übereinander gebauten Pyramiden besteht, die zwischen der Zeitenwende und 450 n. Chr. errichtet wurden. Außerdem stießen sie auf zwei etwa 1800 Jahre alte Gräber, in denen sie Skelette von fünf Menschen, Knochenreste von Pumas und Kojoten, Adlern und Schlangen, Messer und Pfeilspitzen aus Obsidian, kleine Figuren sowie Muschel- und Jadeschmuck fanden. Die Position der Toten mit hinter dem Rücken verschränkten Händen - die wohl mit Stricken zusammengebunden waren - lässt die Wissenschaftler vermuten, dass es sich um Menschenopfer handelte.

"Eines der Ziele des Projektes Mondpyramide ist es, Genaueres über die Regierungsform von Teotihuacan herauszufinden", sagt der mexikanische Grabungsleiter Ruben Cabrera. Es geht dabei um die Frage, ob das Gemeinwesen von einer Gruppe von Priestern oder von einem einzelnen Herrscher regiert wurde. Erstaunlicherweise hat man, obwohl Teotihuacan seit 1885 erforscht wird, dort noch kein einziges Königsgrab aufspüren können.

Doch dafür weiß man inzwischen einiges über die Lebensweise der Alt-Mexikaner. Dank eines ausgefeilten Bewässerungssystems schufen sie eine produktive Landwirtschaft, die eine Großstadt ernähren konnte. Der Handel blühte, und der Einfluss reichte weit über das Hochland von Zentral-Mexiko hinaus. Selbst in der Mayastadt Tikal im fernen Guatemala hatten die Teotihuacanos ein eigenes Viertel.

Anders als bei den Mayas liegen von der Teotihuacan-Kultur bisher keine schriftlichen Aufzeichnungen vor. Erst vor wenigen Jahren wurden auf dem Fußboden des Palastes La Ventilla lediglich einige wenige Hieroglyphen entdeckt. Unklar ist auch, wie die Stadt wirklich hieß. Denn der Name Teotihuacan - "der Ort, wo man zum Gott wird" - stammt von den Azteken, die bei ihrer Einwanderung nach Zentral-Mexiko im 12. Jahrhundert nur noch Ruinen vorfanden.

Denn schon ab 700 war es mit der Pracht und Herrlichkeit in Teotihuacan vorbei. Möglicherweise, so Grabungsleiter Cabrera, brachen Unruhen aus, weil wegen Bodenerosion die Nahrung knapp wurde. Vielleicht fielen auch räuberische Nomaden ein. Auf jeden Fall ging die Stadt in Flammen auf und wurde aufgegeben.

Der heute sichtbare Pyramidenkomplex macht nur zehn Prozent der Gesamtfläche der Stadt von 22 Quadratkilometern aus. Der größte Teil Teotihuacans ist noch nicht freigelegt. In diesem Jahr wird weitergegraben.

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