Gesundheit : Raketenabwehr: Zielschießen im All

Paul Janositz

Das Prinzip ist einfach: eine feindliche Rakete steigt auf, Satelliten melden die Attacke an eine Bodenstation, die eine Abfangrakete losschickt. Gelenkt von Radar- oder Infrarotstrahlen wird das gegnerische Geschoss getroffen und zerstört. Vielleicht liegt es an diesem simplen Ansatz, dass das Vorhaben, eine Art Schutzschirm über das US-Territorium zu spannen, zu den Lieblingsprojekten amerikanischer Präsidenten gehört.

Doch jetzt scheint größere Nüchternheit eingetreten zu sein. Der Traum allerdings ist derselbe geblieben, das Projekt der "Nationalen Raketenabwehr" ("National Missile Defense", NMD) soll gegen Schurkenstaaten oder Terroristen Schutz bieten.

So einfach das Prinzip sein mag, so schwierig sind die Details. "Es ist, als ob man eine Gewehrkugel stoppen will, indem man mit einem anderen Gewehr auf sie feuert", erklärt Gajus Pagel, Experte für Luft- und Raumfahrt an der Technischen Universität Berlin. Die Geschwindigkeiten, die sich bei der Raketenabwehr im Weltall abspielen, sind allerdings noch um etwa den Faktor zehn größer. Eine Interkontinentalrakete rast mit etwa sechs Kilometern in der Sekunde, das ist mehr als 20fache Schallgeschwindigkeit. Die Abfangrakete dürfte laut Pagel mit etwa sechs- bis achttausend Kilometern in der Stunde aufsteigen. Grafik: US-Raketentest gelungen Klappt es so gut wie bei dem jüngsten Test über dem Pazifik, so hat der Angreifer keine Chance. Die Beobachtungssatelliten hätten den Start der Feindrakete registriert und an das Kontrollzentrum gemeldet. Rechtzeitig, etwa wie beim Test innerhalb von gut zwanzig Minuten, wäre die Abwehrrakete gestartet, mit einem Abfanggeschoss im Bauch. Dieses "kill vehicle" machte sich dann selbstständig und flöge, gelenkt von Radar- und Infrarotsensoren, auf das Angreifergeschoss zu. Die beiden Objekte träfen mit fast dreißigfacher Schallgeschwindigkeit aufeinander und wären Millisekunden später in einer gewaltigen Explosion ausgelöscht.

"Der Test war erfolgreich", meint Pagel, der allerdings wie alle Außenstehenden keine genauen Informationen über die technischen Details hat. Wie nicht anders zu erwarten, hält die zuständige "Ballistic Missile Defense Organisation (BMDO) alles, was die Raketenabwehr betrifft, streng geheim. Dennoch ist unter Experten unbestritten, dass das Prinzip funktionieren wird, wenn man nur genügend Geld und Zeit aufwendet.

Genauso sicher sind sich viele Fachleute, dass es keine funktionierende Abwehr geben kann, wenn sich der Angreifer nur richtig anstrengt. Es gibt demnach genügend Tricks, um die Abwehr in die Irre zu führen, Attrappen beispielsweise oder Gefechtsköpfe, die rechtzeitig eine Vielzahl von Angriffsgeschossen freisetzen, oder Ablenkexplosionen, die Licht und Hitze erzeugen, um die Leitsysteme des Abfängers auf die falsche Fährte zu locken. Denn die abstrahlende Energie des Angreifers ist der Wegweiser, der zum Ziel führt.

Zunächst allerdings muss der Start einer Angriffsrakete registriert werden. Das geschieht mit dem "Defense Support Program" (DSP), einem System geostationärer Satelliten, die Hitze und Licht registrieren, wie sie eine startende Rakete in Hülle und Fülle produziert. Das Frühwarnsystem meldet Abschussort und ungefähre Flugbahn an das Battle Management Center im Bundesstaat Colorado, das die Gefährlichkeit des Flugobjekts analysiert. Gegebenenfalls werden Abfangraketen gezündet, von denen sich im Weltall das "kill vehicle" löst, das mithilfe von Infrarotsensoren das Ziel finden soll.

Genau dies könnte ein Problem sein, denn die Antriebsaggregate der Angriffsrakete sind zu diesem Zeitpunkt weitgehend ausgebrannt. Die Rakete fällt bereits nach unten und erzeugt höchstens Reibungswärme, sagt Pagel. Die Bombenfracht kann nicht mehr sicher geortet werden. Die größte Schwierigkeit, die gemeistert werden müsste, sieht der Berliner Raumfahrtspezialist allerdings in der großen Datenmenge, die innerhalb kürzester Zeit zu verarbeiten ist. Die interaktive Kommunikation zwischen Satelliten, Bodenstation und Abfangrakete erfordert superschnelle Datenleitungen und Rechner mit unvorstellbar großer Kapazität.

Das Problem potenziert sich, wenn mehrere feindliche Objekte heranfliegen. Und ein gewitzter Angreifer wird alles tun, um die Zahl der attackierenden Geschosse zu erhöhen. Ob es sich dabei auch um Attrappen handelt, soll die Abwehr doch erst mal herausfinden ... Die diversen Möglichkeiten der Täuschung wurden von amerikanischen Wissenschaftlern durchgespielt, die der Raketenabwehr nicht aus politischen, sondern aus technichen Gründen skeptisch gegenüberstehen. Unter ihnen ist - wie die "Zeit" berichtet - auch der Raketenexperte Theodore Postol vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der frühere Berater Präsident Reagans in Sachen Raketenabwehr hält die derzeitigen NMD-Pläne für untauglich.

Vier oder fünf Sprengköpfe ließen sich vielleicht noch mit mehreren Raketen bekämpfen, lautet das Resümee. Gegen Angriffsobjekte, die sich gegen Ende des Fluges noch rechtzeitig vor der Zerstörung in Dutzende, vielleicht Hunderte von Behältern aufteilen, helfe kein Zielschießen mit Abfangraketen mehr. Postol und seine Mitstreiter listen eine Fülle von Tricks auf, um Attrappen von tatsächlichen Gefechtsköpfen ununterscheidbar zu machen. Dazu zählen Simulationen der Wärmeabstrahlung oder Leuchtraketen, die die Infrarotsensoren irritieren, oder Wolken von Metallstreifen sowie Funksignale, die das Radar durcheinanderbringen. Auch die bisherigen Tests können die Kritiker nicht überzeugen. Sie seien zu simpel gewesen, die Auswertung zudem nicht korrekt. Der Berliner Ingenieur Pagel sieht das Raketenprojekt nicht so kritisch. Tests seien dazu da, sich der Lösung Schritt für Schritt zu nähern. Die größte Schwierigkeit sei die Bewältigung der Kommunikation - und das stellt für ihn auch den größten Schwachpunkt für feindliche Attacken dar.

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