Gesundheit : Ramses musste beim Brautgeschenk drauflegen

Michael Zick

Offenbar war der Pharao knickrig. "Willst du dich denn etwa an uns bereichern?" fragte Puduhepa vorwurfsvoll. Die Dame mit dem schönen Namen war zwar die Königin des Hethiterreiches, der Adressat des unverblümten Briefes aber regierte immerhin als Ramses II. das ägyptische Imperium.

Die undiplomatische Schelte wirft ein Schlaglicht auf die Machtverhältnisse im östlichen Mittelmeerraum im 13. Jahrhundert v.Chr: Neben der Supermacht am Nil gab es eine ebenbürtige Großmacht - eben das Reich der Hethiter in Anatolien. Das "Land Hattusa", so benannt nach seiner Hauptstadt, hatte dem großen Ramses II. bei Kades (1275 v.Chr.) eine empfindliche militärische Niederlage beigebracht.

Dann aber schloss man Frieden, der familiär abgesichert werden sollte: Der ägyptische König ehelichte eine Tochter der Puduhepa. Nun ging es um das Brautgeschenk des Pharao für die hethitische Prinzessin. Die Hethiterkönigin war nicht zufrieden, Ramses II. besserte nach. Der Frieden hielt rund 60 Jahre.

In diesen Tagen (18. Januar 2002) wird in Bonn die erste umfassende Hethiter-Ausstellung eröffnet. Die ambitionierte Fleißarbeit ("Die Hethiter - das Volk der 1000 Götter", Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland) soll die vergessene Weltmacht wieder ins Gedächtnis holen.

Die Macher werden es nicht leicht haben, das Publikum zu fesseln, denn massenwirksame Schaustücke haben sie kaum. Das Spektakuläre der Hethiter versteckt sich hinter der Wissenschaft und erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Der aber ist atemberaubend: Die Hethiter unterscheiden sich in Lebensstil und Staatsauffassung stark von allen anderen Staaten des Alten Orients, ihre Ideen muten modern an. Der von Hattusa initiierte Friedensvertrag mit Ägypten zum Beispiel ist der erste der Welt, eine Kopie schmückt die UNO.

Ein Interessenausgleich - es ging um die profitträchtigen Handelswege durch Syrien - war den anatolischen Herrschern wichtiger als die sonst übliche totale Vernichtung und Eliminierung des Gegners. Im 14. und 13. Jahrhundert v.Chr. beherrschte das Hethiterreich den halben Alten Orient und doch wussten schon die klassischen griechischen Geschichtsschreiber nichts mehr von dieser Supermacht.

Vergessene Supermacht

Über 3000 Jahre blieb sie vergessen. Im 19. Jahrhundert wurden erste Felsinschriften, Stätten und Statuen einer namenlosen Kultur in Anatolien bekannt, Mitte des 20. Jahrhunderts ordneten die Altertumsforscher die Funde den nur aus der Bibel bekannten Hethitern zu. Seit 50 Jahren erst können sie die hethitischen Inschriften und Keilschriftnachrichten lesen.

Seitdem filtern die Philologen aus Zehntausenden, bei Grabungen geborgenen Keilschriftnachrichten ein Stück Erkenntnis nach dem anderen, eines spannender als das andere - die Geschichte der Hethiter wird sichtbar. Die Archäologen dagegen mühen sich mit einer Handvoll "wichtiger" Grabungen, von den 1400 in hethitischen Texten genannten Orten haben sie erst ein halbes Dutzend lokalisiert.

Frank Starke, Hethitologe und Sprachforscher an der Universität Tübingen, wagt sich derzeit am weitesten vor. Der Hochschullehrer hat aus unzähligen hethitischen Texten die historisch-politische Landkarte Kleinasiens in der Bronzezeit neu entworfen.

In der Blütezeit im 14. und 13. Jahrhundert v.Chr. reichte das Hethiterreich vom Schwarzen Meer bis zum Mittelmeer, von Ostanatolien und Nordsyrien bis zur Ägäis, in Palästina stießen die Hethiter direkt an ägyptisches Hoheitsgebiet. Wilusa (= Ilion, Troja) gehörte zum hethitischen Staatenverbund - da ist sich Starke ganz sicher. Und weiter: Mit den Leuten aus Ahhijawa - Achäer bei Homer, Mykener in der Historie - hatten die Hethiter Streit. Der Trojanische Krieg lugt über den Horizont. Aber das ist eine andere Geschichte.

Um das anatolische Kerngebiet lagerten mehrere assoziierte Kleinkönigtümer. Nur ein Teil von ihnen war kriegerisch angegliedert worden, denn ab etwa 1500 v.Chr. hatten die Hethiter eine politische Innovation perfektioniert: Etliche Kleinstaaten wurden mit Staatsverträgen angeschlossen. Die lokalen Herrscher behielten die innere Souveränität, nur ihr außenpolitischer Spielraum wurde beschränkt. Sie hatten zudem Sitz und Stimme in den politischen Entscheidungsgremien der hethitischen Zentrale.

Das waren keine altorientalischen Vasallenstaaten, die bis auf Blut ausgezehrt wurden, sondern Bundesgenossen. Starke sieht hier, erstmalig in der Menschheitsgeschichte, eindeutig föderative Strukturen. Eine weitere kulturelle Besonderheit macht der Philologe im inneren hethitischen Staatswesen aus: Den so genannten Telipinu-Erlass (1500 v.Chr) hält Starke für die erste Verfassung der Welt.

In dem königlichen Edikt werden die Organe des Reiches, ihre Aufgaben und die gegenseitige Abgrenzung festgelegt. So war der König nur primus inter pares in der "Gemeinschaft", die sich aus der weit verzweigten königlichen Sippe und den assoziierten Herrschern zusammensetzte - eine Art Bundesrat. Die Mitglieder dieses "panku" saßen an den Schalthebeln der Macht. Sie mussten dem Vorschlag des Königs für seinen Nachfolger zustimmen. Ihrer Gerichtsbarkeit war auch der Herrscher unterworfen - eine Art Verfassungsgericht. Neben dem panku gab es "die Großen", meist Brüder oder Söhne des Königs, die ministerähnliche Funktionen ausübten.

Und noch etwas unterscheidet die hethitische Staatsauffassung von den anderen altorientalischen Reichen: Neben dem König als Person gab es eine übergeordnete Idee des Königtums als fortwährende staatliche Kraft. Der leibliche König wurde nach seinem Tod schnell und bescheiden beerdigt, die Feierlichkeiten um den verstorbenen König als staatstragendes Element - dargestellt durch eine Puppe - dauerten dagegen zwei Wochen.

Völlig neue Wege gingen die Hethiter auch in der Rechtsprechung. Es galt nicht mehr das Gesetz der Rache (Zahn um Zahn), sondern die Idee der Wiedergutmachung. Die Todesstrafe war praktisch abgeschafft, nur der König durfte sie verhängen, wandelte sie aber meist in Verbannung um.

Königswitwe des Hochverrats angeklagt

Asylsuchende, denen in der Heimat der Tod drohte, durften nicht ausgeliefert werden. Ehescheidungen waren für beide Seiten weitgehend problemlos möglich. Die vielzitierte Toleranz der Hethiter bescherte ihnen einen übervollen Himmel und den Beinamen "Volk der 1000 Götter".

Die Stellung der hethitischen Königin - siehe Puduhepa - war einzigartig. Sie war Mitregentin und auch als Königswitwe noch politisch einflussreich - und aktiv: In einem Fall musste der König einen Hochverrats- und Zaubereiprozess gegen die Witwe seines Vorgängers anstrengen, um ihren - unheilvollen - Einfluss zu stoppen.

Machtkämpfe gab es natürlich auch bei diesem bemerkenswerten Volk immer wieder, Verwandtenmord inklusive. Bürgerkriegsähnlicher Streit um eine Thronfolge gaben dem Reich den Todesstoß. Vorangegangen waren Hungersnöte, vermutlich immer stärkere Attacken der Assyrer im Osten und der Kaskäer im Norden sowie der Verlust wichtiger Handelsrouten.

Um 1200 v.Chr. endet die Großmacht der Hethiter sang- und klanglos. Das Reich wurde nicht von außen erobert, es implodierte: Der letzte Großkönig verließ samt Hofstaat und Priesterschaft die Hauptstadt Hattusa - bis heute weiß niemand wohin.

Die Lust des Königs

Dass die Welt überhaupt von den Hethitern weiß, verdankt sie den Gelüsten des Königs David. Der sah eines Abends, als er sich auf dem Dach seines Palastes erging, eine badende Nachbarin. "Und das Weib war schön", berichtet die Bibel. David ließ die Dame in seinen Palast holen. Es war Bethesda, die Frau von Urija; dem Hethiter.

Mit dem Hausbesuch nahm das Unglück seinen Lauf: Bethesda wurde prompt schwanger. Um Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, ließ David seinen treuen Kriegsknecht Urija, einen Hethiter, aus dem Weg räumen. Urija ist der prominenteste Hethiter in der Bibel. Insgesamt zwanzig Mal erwähnen die verschiedenen Bücher des Alten Testaments die "Chittim".

Damit bezeichneten die Hebräer die Bewohner jener Länder, die die Nachfolge des hethitischen Großreiches angetreten hatten, das sie schon nicht mehr kannten. In den verschiedenen Bibelübersetzungen wurden aus den Chittim bei den Griechen "chetaios", bei den Römern "hettaeus". Luther taufte sie dann "Hethiter". Auf dem Seitensprung des israelitischen Königs lag übrigens kein Segen: Jahwe zürnte und ließ den Säugling sterben. Das zweite Kind des Paares wurde der nicht minder umtriebige König Salomon.

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