Gesundheit : Raoul Wallenberg: Nur die leeren Aktendeckel blieben

Ingo Bach

So vielen Juden wie möglich das Leben zu retten, mit dieser Mission kam der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg im Juli 1944 nach Budapest. Zu einer Zeit also, als die deutsche Wehrmacht schon vier Monate Ungarn besetzt hielt, und die SS bereits 450 000 Juden in die Vernichtungslager abtransportiert hatte. Von den 200 000 noch nicht deportierten ungarischen Juden konnten der schwedische Legationsrat und seine Helfer 100 000 das Leben retten. Wallenberg stellte sie unter den Schutz der neutralen schwedischen Regierung, unter anderem in dem er ihnen Schutzpässe ausstellte. Die ungarische Führung - ein Marionettenregime Hitlers - erkannte die Pässe an, hoffte sie doch, dass die so geschützten Juden baldigst nach Schweden ausreisen würden.

Wallenberg selbst nützte der diplomatische Schutz wenig. Doch nicht die deutschen Besatzer wurden ihm zum Schicksal - sie legten Wert auf die schwedische Neutralität -, sondern die sowjetischen Befreier. Im Januar 1945, nachdem die Rote Armee Budapest erobert hatte - wurde Raoul Wallenberg das letzte Mal lebend gesehen. Er wollte zum russischen Oberkommandierenden Malinowski und ihn um Hilfe für seine Schützlinge bitten. Doch Stalins Geheimdienst verhaftete ihn. Wallenberg verschwand in der Lubljanka in Moskau. Die Bemühungen der schwedischen Regierung, ihren Diplomaten aus dieser - offiziell von der Sowjetunion bestrittenen - Haft zu befreien, beschränkten sich auf Protestnoten.

Nach wie vor ist das weitere Schicksal von Wallenberg von Geheimnissen umwittert. Zwar gab Moskau 1957 offiziell zu, dass der schwedische Diplomat zehn Jahre zuvor in der Haft des NKWD an einem Herzinfarkt verstorben sei. Doch immer wieder tauchen Zeugen auf, die Wallenberg auch danach noch lebend gesehen haben wollen - meist in psychiatrischen Anstalten. Am 12. Januar 2001 legte eine ungarisch-schwedisch-russische Historikerkommission nach neun Jahren Forschung ihren Bericht vor. Das Ergebnis: Raoul Wallenbergs Ende bleibt im Dunkeln.

Diesem ungeklärten Lebensweg wird sich heute und morgen eine wissenschaftliche Konferenz im Ungarischen Kulturinstitut in Berlin widmen. Unter anderen will die ungarische Publizistin Maria Ember über die Bemühungen der sowjetischen Regierung berichten, sich von dem Verdacht, sie habe Wallenberg auf dem Gewissen, reinzuwaschen. Die Sündenböcke sollten ausgerechnet diejenigen sein, die Wallenberg ihr Leben verdankten: ungarische Juden. Nach bewährtem Muster plante Moskau 1953 in Budapest einen Schauprozess. "Dafür verhaftete die Geheimpolizei schon Ende 1952 prominente ungarische Juden", sagt Ember. Sie sollten beweisen, dass Wallenberg von seinen engsten Vertrauten ermordet worden war. Für Ember besteht kein Zweifel: "Stalin persönlich hat den Schauprozess angeordnet." Und so überrascht es nicht, dass mit dem Tod des Dikators auch der geplante Prozess aufgegeben wurde. Die Verhafteten kamen - sofern sie die Haft überlebt hatten - wieder frei.

Das alles erfuhren die Historiker erst in den 90er Jahren, als Perestroika und Glasnost die russischen Archive öffneten. Doch diese boten auch eine herbe Enttäuschung: Stalins Agenten hatten die Spuren der Begegnung von Raoul Wallenberg mit dem sowjetischen Geheimdienst verwischt, die Dokumente vernichtet. Nur die Aktendeckel blieben erhalten. Doch auch sie bieten wertvolle Informationen: "Wir wissen, dass im Politbüro über den Fall Wallenberg gesprochen wurde und wir wissen auch, wer daran teilnahm", sagt Maria Ember. Und vielleicht gibt es doch noch einige inhaltliche Dokumente. Der russische Militärhistoriker Lew Besymenski, der an einem Buch über Wallenberg arbeitet, hat für seinen Konferenzbeitrag am Dienstag bereits "eine große Überraschung" angekündigt.

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