Gesundheit : Rasende Riesen

Tatort Zoo: Immer wieder rasten Elefanten aus und töten ihre Pfleger. Forscher rätseln über die Ursache

Frank Ufen

Elefanten lieben Wasser. In freier Wildbahn suhlen sie sich im Schlamm oder baden in Wasserlöchern, die nach der Regenzeit entstanden sind. In Gefangenschaft werden die Tiere geduscht. Die Morgendusche eines Elefanten war es, die seinen Pfleger 2005 das Leben kostete. Als er im Wiener Tierpark Schönbrunn den knapp vierjährigen Bullen Abu in der Box abduschte, geriet der Elefant plötzlich in Rage, drückte den Pfleger an die Wand und attackierte ihn so heftig mit den Stoßzähnen, dass er an seinen Verletzungen starb.

Was den Angriff ausgelöst hat, ist bis heute unklar. Einige Experten vermuten, dass Abu die Entwöhnung von der Milch und die Trennung von der Mutter schlecht verkraftet hat. In freier Wildbahn versuchen Elefantenkälber noch im Alter von sechs oder mehr Jahren, Muttermilch zu bekommen. Gibt die Mutter keine Milch mehr, reagieren sie schnell aggressiv und schlagen wild um sich. Andere Dickhäuter können sie dabei kaum verletzen – doch für einen Pfleger könnte so ein Verhalten gefährlich werden. Harald Schwammer, Vizedirektor des Tiergartens Schönbrunn, glaubt jedoch nicht, dass Abu deshalb angegriffen hat, und betont, dass der Jungbulle täglich nur kurze Zeit von der Mutter getrennt war.

Immer wieder kommt es zu Attacken durch Elefantenbullen. 1984 brach der Bulle Bindu im englischen Zoo Port Lympne einem Pfleger mit einem einzigen Rüsselhieb das Genick und versuchte kurz danach, einen anderen Wärter zu erdrosseln. „Auf jeden in einem Zoo gehaltenen Elefantenbullen kommt ein toter Pfleger“, behauptet der Schweizer Verhaltensforscher Heini Hediger.

Elefantenbullen verhalten sich oft völlig unberechenbar, wenn sie in die Pubertät gekommen sind und sich vorübergehend im Zustand der „Musth“ befinden. Sie verwandeln sich dann in halbstarke Testosteronbomber, neigen zu Tobsuchtsanfällen und sind nicht bereit, sich zu unterwerfen. Aber darauf haben sich die europäischen Zoos inzwischen eingestellt. Seit Mitte der 1980er Jahre dürfen geschlechtsreife Bullen nur noch in hochgesicherten Gehegen und Boxen untergebracht werden. Trotzdem vergeht nach wie vor kein Jahr, in dem es nicht zu tödlichen Unfällen mit Elefanten kommt. In jüngster Zeit waren es vor allem weibliche Tiere, die ihre Pfleger attackierten.

Nur wenige Monate nach dem Unfall in Österreich ging in einem Wildpark im US-Staat Tennessee ein indisches Elefantenweibchen auf seine Pflegerin los und tötete sie mit mehreren Fußtritten. Vor drei Jahren kam ein Pfleger im niederländischen Safaripark Beekse Bergen ums Leben, 2001 starb ein anderer im Londoner Zoo. Im selben Jahr wurde ein Pfleger in Basel schwer verletzt – er überlebte nur, weil er sich in den Abtrenngraben fallen ließ. In all diesen Fällen waren es Elefantenkühe, die völlig unerwartet und scheinbar grundlos angriffen.

Woran das liegt, ist noch nicht völlig geklärt. Sicherlich spielt es eine Rolle, dass man die älteren weiblichen Tiere nach wie vor als eher harmlos einschätzt – obwohl sie es sind, die die Herde anführen. Außerdem gibt es mit männlichen wie weiblichen Elefanten immer wieder Missverständnisse, weil die wenig ausgeprägte Mimik der Tiere für Menschen nicht leicht zu entschlüsseln ist. Ein weiterer Grund könnte paradoxerweise sein, dass Elefanten heute artgerechter gehalten werden als jemals zuvor.

Es wird zunehmend darauf verzichtet, die Elefanten einzupferchen und anzuketten. Und neuerdings lässt man es sogar zu, dass der Nachwuchs ohne jede menschliche Unterstützung zur Welt kommt. Früher war es üblich, die kalbenden Kühe anzuketten und ihnen die Jungen gleich nach der Geburt wegzunehmen. Dadurch sollte verhindert werden, dass die während der Geburt oft äußerst nervösen Mütter ihr Neugeborenes niedertrampelten.

Mittlerweile haben Zoologen und Tierpfleger erkannt, dass ein derartiges Verhalten in erster Linie auf unnatürliche Haltungsbedingungen zurückzuführen ist. In freier Wildbahn sind Geburten soziale Angelegenheiten. Dort sind die Gebärenden von geburtserfahrenen Elefantenkühen umringt, die sofort eingreifen, wenn ein Neugeborenes in Gefahr gerät.

„Vieles deutet darauf hin, dass das Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen der Elefantenweibchen erheblich gefördert wird, wenn sie nicht mehr von ihren Artgenossen isoliert werden und sich von Anfang an in einer Gruppe behaupten müssen“, sagt der Wiener Elefantenexperte Fred Kurt. Im selben Maße wie das Selbstbewusstsein der Tiere wachse das Risiko, dass sie den Menschen nicht mehr als Autorität anerkennen.

Wie können schwere Unfälle in Zukunft also vermieden werden? Tierschützer fordern, die Elefanten weitgehend sich selbst zu überlassen und Menschen von ihren Gehegen fernzuhalten. Doch in Zoos und Tierparks fehlt dazu meist der Platz. Auch Zoobesucher wären von so einer Lösung sicher wenig begeistert.

„Die artgerechteste Haltungsform ist der ,no-contact‘“, sagt Torsten Schmidt, Referent für Natur- und Artenschutz des Deutschen Naturschutzbundes. „Dies setzt aber voraus, dass ausreichend große Innen- und Außengehege zur Verfügung stehen und eine Gruppe mit intakter Sozialstruktur gehalten wird. Die Realität sieht jedoch anders aus.“ Schmidt fordert, Elefanten nicht mehr in Gefangenschaft zu halten. Im nordspanischen Cabarceno gibt es bereits ein 20 Hektar großes Freigehege, wo die Elefanten tun und lassen können, was sie wollen – völlig unbehelligt von Menschen.

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