Gesundheit : Ratgeber zur Bulimie: Die abgekapselte Welt der Essgestörten

Justin Westhoff

Geht das? - Ein Buch über eine schwere seelische Störung mit gefährlichen körperlichen Folgen als ästhetisch ansprechendes, grafisches Meisterwerk? Es funktioniert verblüffend gut und überzeugend: Wer sich bisher unter Bulimie (Ess-Brech-Sucht) nichts vorstellen konnte, wird von der Kommunikations-Designerin Verena Böning hineingezogen in die abgekapselte Welt von zumeist jungen und weiblichen Menschen mit Essstörungen. "Ausbrechen" nennt die Autorin ihr Werk doppelsinnig. Die knappen Texte erläutern fachlich kompetent das heutige Wissen über Bulimie. "Die Krankheit ist heilbar" heißt es, aber es wird nachvollziehbar, dass dazu Hilfe von Außen und ein Verändern der ver-rückten Lebensgefühle notwendig sind.

Das Besondere aber sind Bilder und visuelle Effekte. Zwei Strichmännchen, von denen eines frisst und eines arbeitet, führen durch das "Doppelleben" von Betroffenen - nach außen angepasst, aber allein und unbeobachtet die Krankheit in gewisser Weise genießend. Eine Fotoreportage hält indessen auch die abstoßende Seite fest, ohne unerträglich zu sein. Zu sehen ist im übrigen nie die Bulimikerin, sondern immer nur, was sie wahrnimmt. Hier wird endlich einmal eine eben psychisch bedingte Krankheit nicht nach Art eines trockenen Ratgebers gegen Rückenschmerzen geschildert und nicht sensationsheischend wie bei der Bulimikerin Prinzessin Diana.

Das Buch ist ästhetisch, aber nicht ästhetisierend, anrührend, aber nicht rührselig - und so aufwändig produziert, dass der Verlag die Auslieferung auf Ende November verschieben musste.

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