Gesundheit : Raub am Himmel

Unsere Milchstraße reißt Galaxien auseinander und fängt neue Sterne ein

Thomas de Padova

Die Milchstraße wächst. Viele Sterne aus kleinen Nachbargalaxien und Kugelsternhaufen haben in den vergangenen Jahrmilliarden ein neues Zuhause in unserer Milchstraße gefunden.

Und gegenwärtig trifft ein ganzer Strom solcher Neuankömmlinge in der Nachbarschaft unserer Sonne ein. Denn auf ihrem Weg um das Zentrum der Milchstraße passiert die Sonne derzeit einen Schwarm von Sternen, den die Sagittarius-Zwerggalaxie verloren hat.

Die Galaxie fällt nach und nach auseinander. „Sie löst sich direkt vor unseren Augen auf“, sagt Steven Majewski von der Universität Virginia in Charlottesville in den USA. Sterne aus der fremden Galaxie seien uns ganz nahe.

Solche Sterne aus der Vielzahl der Objekte am Himmel herauszufischen, ist allerdings nicht leicht. Und es hat lange gedauert, ehe Astronomen die kleine Galaxie überhaupt entdeckten. Erst 1994 geriet sie ins Visier der Forscher.

Damals waren bereits etliche Sternhaufen und acht Zwerggalaxien bekannt, die um die Milchstraße kreisen. Dazu zählt zum Beispiel die Große Magellansche Wolke. Diese Spiralgalaxie ist im Verlauf ihrer Entwicklung schon ein bisschen aus der Form geraten, weil sie unserer Milchstraße zu nahe gekommen ist, die mit ihrer enormen Schwerkraft an der deutlich kleineren Magellanschen Wolke zerrt.

Allmählich zerpflückt

Die Sagittarius-Zwerggalaxie wirbelt auf noch engerer Bahn um die Milchstraße. Für einen Umlauf braucht sie rund eine Milliarde Jahre. Das haben Rosemarie Wyse und ihre Kollegen von der Johns Hopkins University in Baltimore in den USA ermittelt. Etwa zehn Umdrehungen hat sie den Forschern zufolge bereits hinter sich. Und dabei wird sie immer weiter in die Länge gezogen und allmählich zerpflückt. Bei einer systematischen Himmelsdurchmusterung haben Steven Majewski und seine Kollegen jetzt neue Ausläufer der deformierten Zwerggalaxie entdeckt. Die Forscher suchten unter einer halben Milliarde Sterne nach speziellen roten Riesensternen, die viel Infrarotlicht aussenden.

Solche Riesen kommen in der Sagittarius-Galaxie besonders häufig vor, sind aber ansonsten oberhalb und unterhalb unserer Milchstraßen-Scheibe eher selten. Majewskis Team fand viele 1000 solcher Riesensterne. Und die Verteilung der Objekte ergab ein neues Bild der Zwerggalaxie und ihrer Wanderbewegung.

Die Galaxie windet sich in weitem Bogen um die Milchstraße. Noch in einer Entfernung von 100000 Lichtjahren oberhalb unserer galaktischen Scheibe erkannten die Astronomen Überreste der Zwerggalaxie: Sterne, die ihr in ferner Vergangenheit abhanden gekommen sind.

Zum Vergleich: Unsere galaktische Scheibe ist nur etwa 1000 Lichtjahre dick, die Sonne rund 30000 Lichtjahre vom Zentrum der Milchstraße entfernt. Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die das Licht bei seiner Ausbreitung während eines Jahres zurücklegt: etwa 9,5 Billionen Kilometer.

Die Zwerggalaxie mache nun eines ihrer letztes Tänzchen, sagt Majewski. Und während sie auseinander fällt, führt sie uns vor Augen, wie Sternsysteme mit der Zeit zu immer größeren Gebilden verschmelzen.

Am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren den Zerfall des Kugelsternhaufens Palomar 5 verfolgt. Dabei handelt es sich um eine Ansammlung von etwa 10000 Sternen in 75000 Lichtjahren Entfernung.

Auch der Kugelsternhaufen sei ein Opfer der Gezeitenkräfte unserer Milchstraße, sagt Jakob Staude, Forscher am Heidelberger Institut. Er werde langsam aber sicher auseinander gezogen. „Allmählich erkennen wir, welche Rolle solche Prozesse für die Entwicklung der Galaxien spielen.“ Doch dazu müssen die Astronomen ungeheure Datenmengen durchforsten, darunter zum Beispiel die Aufnahmen aus Messreihen des Apache Point Observatoriums in New Mexico. Dieses Beobachtungsprogramm erfasst sämtliche Sterne, die bis zu 10 Millionen Mal lichtschwächer sind als die Objekte, die wir mit bloßem Auge am Himmel erblicken.

Schweif aus Gas

Bei einer solchen Suche können die Forscher Sterne identifizieren, die vergleichsweise spät in unsere Milchstraße gelangt sind. Denn Sterne aus fremden Galaxien bewegen sich auf anderen Bahnen durch die Milchstraße als ihre Nachbarn. Ihr gemeinsamer Ursprung ist anhand dieser Bahnen noch nach Jahrmilliarden zu erkennen – auch wenn die Sterne heute weit auseinander liegen.

In der Vergangenheit müssen Gebilde wie Kugelsternhaufen und Zwerggalaxien einmal viel häufiger gewesen sein als heute. Die Fusion der Welteninseln wird trotzdem so schnell nicht aufhören. Wenn die Milchstraße all ihre kleinen Nachbarn geschluckt haben wird, wird sie sich mit der großen Andromeda-Galaxie vereinen.

Diese bewegt sich augenblicklich mit einer Geschwindigkeit von etwa einer halben Million Kilometer pro Stunde auf uns zu. In ferner Zukunft werden sich die beiden Galaxien vielleicht in ähnlicher Weise begegnen wie die beiden Galaxien NGC 4038 und NGC 4039, die wir im Sternbild Rabe beobachten können.

Bei der Kollision entstand zu beiden Seiten hin ein Schweif aus Gas und Sternen, weshalb das Pärchen auch als „Antennen-Galaxie“ bezeichnet wird. Dort aber, wo sich die Galaxien durchdringen, sind neue Sterne entstanden. Sie sorgen dafür, dass sich das galaktische Windrad auch weiterhin hell und leuchtend dreht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben