Gesundheit : Rauchfreie Zone (4): Im Rausch der Sinne

Stephan Wiehler

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Mit Rauchern schon gar nicht. Tabak-Süchtigen gehen mindestens zwei von fünf Sinnen verloren. Sie schmecken und riechen schlechter als Menschen im Vollbesitz sinnlicher Fähigkeiten. (Und mit dem Hören ist es auch nicht weit her, jedenfalls nicht, was gut gemeinte Ratschläge von Nichtrauchern angeht.) Nach 20 Jahren vergifteter Atmung kehren längst vergessene Wahrnehmungen in mein Leben zurück. Meinem Gaumen und meiner Nase eröffnen sich neue Horizonte. Ein guter Wein entfaltet ungeahnten Genuss, und langsam beginnt mir zu dämmern, wie viele Köstlichkeiten an meine tabaktaube Zunge verschwendet wurden.

Überhaupt habe ich zurzeit ständig Appetit, das könnte sich noch zum Problem entwickeln. Doch während ich den wiedergewonnenen Geschmackssinn als Gewinn empfinde, erweist sich das gesteigerte Geruchsvermögen mitunter als lästig. Ich habe es bisher für mich behalten und, ehrlich gesagt, sträube ich mich auch gegen die Wahrnehmung, weil ich selbst jahrelang davon betroffen war. Aber ich stelle mir ernsthaft die Frage, ob man Rauchern offen sagen sollte, dass sie den atemberaubenden Charme von kalten Aschenbechern verströmen, wenn sie einem zu nahe treten. In Gesprächen mit Rauchern versuche ich mich ihrem Dunstkreis durch einen dezenten Schritt zurück zu entziehen. Doch ich erinnere mich: Es macht keinen Sinn, Süchtigen die Wahrheit zu sagen. Sie sind taub dafür. Ich habe lange genug selbst vor mich hingestunken, um das zu wissen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar