Gesundheit : Raul Hilberg: "Die Vernichtung der Juden"

Juliane Wetzel

Raul Hilbergs Forschung über die nationalsozialistische Judenverfolgung blieb lange Zeit die Anerkennung versagt. Sein 75. Geburtstag am vergangenen Sonnabend ist Anlass, die Pionierarbeit des langjährigen Professors für Politikwissenschaft an der University of Vermont in den USA zu würdigen. In Wien geboren, wuchs er dort bis zu seiner Flucht auf. 1939 floh der 13-Jährige mit den Eltern Richtung Kuba und erreichte im September die USA - doch ohne seine Eltern, die wegen ihrer galizischen Herkunft noch Monate auf die Einreiseerlaubnis warten mussten. Als Soldat kehrte er nach Europa zurück und erlebte das Kriegsende in Bayern. In München stationiert, entdeckte er während dieser Zeit in der ehemaligen NSDAP-Parteizentrale Hitlers Privatbibliothek, die, in etwa 60 Holzkisten verpackt, den Krieg überstanden hatte.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sollte den künftigen Politik- und Geschichtswissenschaftler nicht mehr loslassen. Die Vertreibung aus Deutschland, die Erlebnisse der letzten Kriegsphase und der Befreiung in Deutschland sowie der gewaltsame Tod vieler Verwandter ließen aus Raul Hilberg einen akribischen Historiker werden, der sein Leben der Erforschung der Ursachen und des Verlaufs der nationalistischen Judenverfolgung widmete.

1961 erschien sein erstes Buch "The Destruction of the European Jews" in einem kleinen amerikanischen Verlag und stieß wegen seiner "täterorientierten" Perspektive besonders in Israel auf heftige Kritik. Erst 1982 publizierte der Berliner Verlag Olle & Wolter eine erste 840-seitige deutsche Übersetzung unter dem Titel "Die Vernichtung der europäischen Juden". Weitere zehn Jahre vergingen, bis der Fischer Taschenbuch Verlag dieses Werk, das in der Zunft inzwischen zum Standardkompendium avanciert war, auch einem breiteren Publikum zugänglich machte. Bis heute bestechen Hilbergs Quellenkenntnisse und Analysen der Zusammenhänge. Weitere grundlegende Studien folgten: "Sonderzüge nach Auschwitz", "Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933-1945". In der zuerst in deutscher Sprache 1994 erschienenen Autobiografie "Unerbetene Erinnerung" beschreibt Hilberg den schwierigen "Weg eines Holocaust-Forschers". 1999 erfuhr Hilberg, dessen Werke inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt worden waren, in Deutschland eine späte Ehrung. Als erster Preisträger wurde er mit dem "Marion-Samuel-Preis" der Stiftung "Erinnerung" in Berlin ausgezeichnet.

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