Gesundheit : Rechtsradikalismus: Deutschland nur etwas für "robuste Naturen"?

Matilda Jordanova-Duda

Auf dem Campus ist die Welt noch in Ordnung. Ausländerfeindliche Übergriffe gab es hier bisher nicht. Dennoch wurden ausländische Studenten und Wissenschaftler auf der Straße, beim Wochenendausflug, vor dem Wohnheim mehrmals Ziel verbaler oder gar physischer Attacken. In einer Umfrage des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) unter 149 Leitern von Akademischen Auslandsämtern sowie Projektleitern internationaler Studiengänge wurden für die letzten 12 Monate sieben fremdenfeindliche Übergriffe gemeldet, sechs davon in den neuen Bundesländern und Berlin. Ein kolumbianischer Student und zwei spanische Studentinnen haben Deutschland verlassen, nachdem sie mit einer Waffe bedroht, geschlagen oder angepöbelt wurden.

Nachts nicht mit der U-Bahn

Die Befragten aus den alten Bundesländern empfinden die Situation an ihren Standorten nicht als bedrohlich und sehen keinen Grund, Sicherheitsmaßnahmen für die ausländischen Studierenden einzuleiten. Anders in den neuen Bundesländern, wo immerhin ein Drittel der Befragten die Verunsicherung der Studenten spürt, die bestimmte Orte meiden und nachts nicht mit der U-Bahn fahren. Die Hälfte der Akademischen Auslandsämter hat schon Sicherheitsmaßnahmen ergriffen oder geplant, unter anderem Verhaltenstraining und Hotlines.

Leibwächter, schusssichere Weste, Not-Telefon und Erster-Hilfe-Kasten werden aber weiterhin nicht zu einem Begrüßungspaket bei der Immatrikulation gehören. "Das wäre ja auch eine schlechte Werbung", sagt Jochen Hellmann, Referatsleiter beim DAAD für den Studienstandort Deutschland und internationale Studiengänge. Stattdessen wird die Betreuung intensiviert: "Unsere These ist, dass ausländische Studenten und Wissenschaftler sich in Deutschland wohl fühlen, wenn sie merken, dass die Hochschule sie mit positiven und attraktiven Angeboten empfängt und dass sie in der Hochschule und im sozialen Umfeld willkommen sind." Dann könne man ihnen auch vermitteln, dass eine kleine Minderheit etwas tue, was die große Mehrheit der Deutschen aus ganzem Herzen ablehne.

Tutoren- und Tandemprogramme existieren bereits an mehreren Hochschulen: Ältere Semester - Deutsche oder Landsleute - kümmern sich um die Neuangekommenen, begleiten sie zu Behörden und bei der Wohnungssuche, laden sie zur Weihnachtsfeier ein. Durch Öffentlichkeitsarbeit sollen die Bevölkerung und die Behörden überzeugt werden, dass Studierende und Forscher eine notwendige und gerngesehene Migrantengruppe darstellen. Die Initiativen können noch im laufenden Semester Geld vom DAAD erhalten. Dafür stehen 100 000 Mark zur Verfügung, zusätzlich zum jährlich ausgeschriebenen Preis des Auswärtigen Amtes. In einer Plakataktion werden zudem Ausländer, die sich durch vorbildliche Studienleistungen und soziales Engagement hervorgetan haben, unter dem Motto "Ausländer - ausgezeichnet" vorgestellt.

In seinem Zweiten Aktionsprogramm zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studien- und Wissenschaftstandorts Deutschland setzt sich der DAAD unter anderem dafür ein, den Aufenthalt auch für Nicht-EU-Bürger insgesamt gastfreundlicher zu gestalten. So sollen die Ausländerbehörden spezielle Sprechstunden oder Sachbearbeiter für die akademische Zielgruppe einsetzen und die Arbeitsämter das Jobben großzügiger gestatten. Die Zahl der ausländischen Studierenden, derzeit 120 000, soll sich innerhalb der nächsten 10 Jahre verdoppeln.

Sich auf Rechtsradikale vorbereiten

Für manche Probleme gebe es jedoch keine schnelle Lösung, und "eine gewisse Ratlosigkeit merken Sie mir ja an", gibt Hellmann zu. In Ostdeutschland liegen die Wohnheime oft nicht in der Nähe der Universität, sondern am Stadtrand - in Gegenden, wo auch einkommensschwache und arbeitslose Deutsche wohnen und Skinheads sich aufhalten. Für neue Gebäude gibt es jedoch kein Geld, und die Studenten finden nur schwer ein Zimmer auf dem freien Markt. Mit solchen Schwierigkeiten befasste sich die Arbeitsgruppe "Fremdenfeindlichkeit" bei der diesjährigen Tagung der Leiter der Akademischen Auslandsämter im November. Tina Reckert von der Universität Magdeburg wird auf der Website vom DAAD zitiert: "Noch ist auf dem Campus nichts passiert, aber schon bald werden Schüler mit fremdenfeindlicher Gesinnung ihr Studium beginnen. Die Universitäten sollen sich bereits jetzt darauf vorbereiten".

Ein Rückgang der Bewerbungen wurde an nur wenigen Standorten der neuen Bundesländer registriert, und der Zusammenhang mit der Ausländerfeindlichkeit ist nicht eindeutig. Fest steht immerhin, dass Interessenten im Ausland die Lage aufmerksam verfolgen. Die Gefahr für Leib und Leben werde bei jeder dritten Anfrage thematisiert, sagte Christian Hülshörster, DAAD-Lektor und Leiter des Informations- und Beratungszentrum in Bangkok, beim diesjährigen Sommertreffen der Lektoren. Kollegen aus verschiedenen lateinamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Ländern sowie aus der Türkei bestätigen das. Studenten, die nicht "typisch deutsch" aussehen, sind besonders verunsichert. Verunsichert sind ebenfalls die Berater. "Wenn ich jemandem eine ostdeutsche Hochschule empfehle und ihm dort etwas zustößt, dann habe ich ihn auf dem Gewissen", so Hülshörster. Deutschland versuche gerade, mit internationalem Hochschulmarketing auf sich aufmerksam zu machen.

Sollen nun alle ausländischen Wissenschaftler und Studierende in den Westen? Die Frage sei auch bei der Arbeitsgruppe "Fremdenfeindlichkeit" aufgekommen, so Hellmann und mit "Nein" beantwortet worden. Eine solche Strategie würde geradewegs den Rechtsradikalen mit ihren "nationalbefreiten Zonen" in die Hände spielen. Außerdem: Die Hochschulen der neuen Bundesländer sind teilweise besser ausgestattet, die Studenten werden individueller betreut und bekommen leichter einen Platz im Wohnheim. Aber studieren in einem gefährlichen Umfeld ist nicht jedermanns Sache. Die Auslandsberatung müsse sensibel erfolgen, betont Hellmann: "Der Berater muss erkennen, wie robust die Person ist, welche Lebens- und Auslandserfahrung sie schon hat. Wir wollen die Risiken weder untertreiben, noch übertreiben. Es ist nach wie vor eine kleine Minderheit. Die Hochschulen sind nach wie vor ein Ort der Solidarität".

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