Gesundheit : Rechtsradikalismus: Generation Gewalt

Juliane von Mittelstaedt

Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock und Hoyerswerda liegen schon fast zehn Jahre zurück. Zehn Jahre, möchte man meinen, in denen viel hätte geschehen können. Hätte. Doch erst seit Sommer vergangenen Jahres ist die Diagnose "Rechtsradikalismus" in den Mittelpunkt der breiten öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Vor allem, weil es immer jüngere Täter sind, die Jagd auf Ausländer machen und auf Obdachlose einprügeln. Die Wucht dieses Hasses macht uns betroffen und stumm.

Die Suche nach den Ursachen bleibt unbefriedigend, denn sie greift meist zu wenige Komponenten unter vielen heraus: die empfundene wirtschaftliche und soziale Deklassierung, psychische Probleme, Langeweile. Doch es scheint, als griffen alle diese Interpretationen zu kurz, keine kann uns dass Irrationale dieses Hasses verständlich machen. Eben dies zu versuchen, war Anlass der Tagung "Adoleszenzkonflikte", zu der das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU in Zusammenarbeit mit dem Berliner Arbeitskreis für Beziehungsanalyse rund 70 Wissenschaftler und Praktiker verschiedener Disziplinen eingeladen hatte: Sozialwissenschaftler, Historiker, Psychologen, Psychoanalytiker und Juristen.

"Der Aufstand angstvoller Unterprivilegierter ist weniger das Ergebnis manifester ideologischer Überzeugung als Generationskonflikt und Kampfansage an eine Gesellschaft, durch die sich die Protagonisten ausgegrenzt fühlen" betonte der Historiker Professor Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, in seiner Einführung. Die Entwicklung einer aggressiven rechten Jugendkultur könne daher nur unzureichend mit der Ausbreitung von rechtsradikalen Parteien und Organisationen erklärt werden. Vielmehr werde übersehen, dass sich in Deutschland eine rechtsradikale Jugendbewegung sui generis herausgebildet habe. Sie ist anders als der Rechtsradikalismus der Erwachsenen.

In seinem Vortrag stellte Benz exemplarisch "Heldenentwürfe" junger Rechtsradikaler vor, wobei er sich insbesondere auch auf die Texte rechter Musikgruppen bezog. Er machte daran deutlich, dass sich die rechte Jugendkultur trotz des Bekenntnisses zu "klassischen soldatischen Tugenden" gleichzeitig schon weit von tradierten Idealen des nationalsozialistischen Deutschlands gelöst habe.

An deren Stelle sei eine neue Gegenkultur getreten, die sich aus der "Gewalt als Selbstzweck" nähre. Den Kampf gegen Fremde und Schwächere wird nicht länger von einem ideologisierten Rassismus bestimmt - der "Held ist nur noch Kämpfer gegen die Demokratie, die Mehrheitsgesellschaft, die bürgerlichen Werte". Fremdenhass und Antisemitismus seien der Bruch universaler Normen menschlichen Zusammenlebens und würden in diesem Sinne von der rechten Szene instrumentalisiert. Provokation durch entsprechendes Outfit und "politisch bedeutungsvolle Stilelemente" machten die Lust am Tabubruch deutlich.

Der Protest sei daher auf öffentliche Beachtung angewiesen. Wenn "sein Normbruch und sein Einspruch unbeachtet bleiben, ist es, als wäre nichts geschehen". Das hat Michael Kohlstruck beobachtet. Der Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt "Jugendkulturen" leitet seit der Gründung vor zwei Jahren die Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus an der TU "ehrenamtlich", da die zugesagte Finanzierung vom Senat aufgrund der bekannt schlechten Haushaltslage zurückgezogen wurde. Aus Kohlstrucks Sicht handelt es sich "weniger um einen politischen Protest der jungen Rechtsradikalen", sondern um einen "kulturellen Konflikt", der aus allgemeiner Systemablehnung herrühre. Ein weiteres Charakteristikum der rechtsradikalen Jugendbewegung rückte er in den Mittelpunkt: Sie komme ohne substanzielle Beziehung zu Parteistrukturen aus und habe eine autonome Dynamik, wie sie auch für andere Jugendkulturen der Gegenwart charakteristisch sei.

Doch woraus entsteht diese beschriebene Dynamik des Hasses auf die Gesellschaft und ihre Werte? Zahlreiche Redner, größtenteils aus sozialen Einrichtungen, ergänzten die gesellschaftliche Analyse durch Fallbeispiele und eigene Erfahrungen im Umgang mit rechten Jugendlichen. Sie führten das Entstehen der rechten Gewalt auf die "zunehmende familiäre Entwurzelung" der Kinder und Jugendlichen zurück. Annette Simon, Psychoanalytikerin aus Ostberlin, bezog sich wie schon Benz auf die These vom "Kampf als Auftrag". Die rechte Gewalt beziehe sich mithin auf eine vorausgesetzte "Erlaubnis der Gesellschaft". Dieser "Konsens zwischen Jugendlichen und Erwachsenen" hätte besonders in den neuen Bundesländern seine Wirkung entfalten können, da hier noch die Repressionserfahrungen des DDR-Systems nachwirkten. Die fehlende Fähigkeit zur offenen Konfliktlösung führe in letzter Konsequenz dazu, dass Jugendliche diese "empfundene Entwertung ihrer Eltern und ihrer selbst" auf schwächer angesehene Mitglieder der Gesellschaft projizierten und diese in "stillschweigender Übereinkunft" verfolgen. Der Generationenkonflikt wende sich daher nicht länger gegen die Eltern und ein diffus als ungerecht angesehenes "Establishment", sondern aggressiv und destruktiv gegen ein demokratisches Zusammenleben, gegen Humanismus und Toleranz.

Kohlstruck wie auch Benz halten daher "die NPD mit ihren 6000 Mitgliedern für keine große Gefahr" verglichen mit der "uferlosen Bewegung" rechter Gewaltkultur und ihrer "dumpfen Aggression als Kampfansage". Sigrun von Hasseln, Vorsitzende Richterin der Großen Jugendstrafkammer am Landgericht Cottbus, schilderte die Reaktionen der Justiz auf jugendliche Gewalttaten. Exemplarisch zitierte sie aus einem äußerst fremdenfeindlichen Brief eines inhaftierten jungen Rechtsradikalen. Sie selber, so von Hasseln, komme immer mehr zu dem Schluss, dass "die Forderung von höheren Strafen überhaupt nichts bewirkt", im Gegenteil sogar Schaden anrichten könne. Unter ihrer Initiative seien daher bisher 22 so genannte Jugendrechtshäuser entstanden, in denen Juristen und Pädagogen ehrenamtlich helfen, das Demokratie- und Rechtsverständnis der Jugendlichen zu vertiefen. Mit einer derartigen "präventiven Rechtspädagogik" könne man viele der potentiellen Täter vor einer rechten Karriere bewahren, anstatt sie später einfach "wegzusperren". Ihr positives Fazit am Ende des Tages: "Da ist noch was zu machen".

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