Gesundheit : Reden und bibbern

Jugend forscht und musiziert nicht nur: Die Hertie-Stiftung initiiert den Bundeswettbewerb „Jugend debattiert

Dorothee Nolte

„Man wird so ehrgeizig", sagt Judith Koch. „Wenn die reden, sitze ich da und bibbere mit.“ Vier Wochen lang hat die Englisch- und Geschichtslehrerin ihre Schüler in die Kunst der Debatte eingeführt, und jetzt stehen ihre Besten vorne in der Aula des Pankower Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums, aufrecht und aufgeregt an Debattiertheken, und streiten mit Schülern anderer Schulen über Themen wie „Soll der PKW-Führerschein schon mit 17 Jahren zu erwerben sein?“ Immer vier Schüler bilden eine Runde, jeder hat zwei Minuten Zeit für ein Eröffnungsstatement, es folgen zwölf Minuten freie Aussprache und je eine Minute Schlusswort.

Soll zum Beispiel das aktive Wahlrecht bei allgemeinen Wahlen auf 16 Jahre gesenkt werden? Ja, meint Franziska, denn so würden Schüler an die Demokratie herangeführt. Ja, meint auch Martin, schließlich sei die Entwicklung der Urteilskraft mit 15 Jahren eh abgeschlossen. Nein, widerspricht Sebastian: Zuerst müsse die politische Bildung der Schüler verbessert werden – „wer den ersten Schritt vor dem zweiten tut, wird hinfallen!“ Ungefähr 100 Schüler hören zu und johlen bei besonders gelungenen Formulierungen. In der ersten Reihe sitzt eine Jury aus Schülern, Eltern und Lehrern und bewertet die Sachkenntnis der Debattanten, ihr Ausdrucksvermögen, ihre Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft. Denn es kommt nicht darauf an, die Vertreter der anderen Meinung niederzureden. Ein fairer Austausch ist erwünscht: die Debatte als Grundlage der Demokratie.

Einen Tag lang wurde in der vergangenen Woche im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium debattiert, und ähnliche Veranstaltungen finden zurzeit im ganzen Bundesgebiet statt. Was vor gut drei Jahren als Pilotprojekt der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Hessen begann, mit einem Abstecher nach Berlin – Tagesspiegel-Leser erinnern sich vielleicht an den Rhetorik-Wettbewerb, den diese Zeitung 2001 zusammen mit der Stiftung veranstaltete – , das ist zu einem Bundeswettbewerb nach dem Modell von „Jugend forscht" oder „Jugend musiziert“ geworden.

In Berlin nehmen sechs Schulen an dem Wettbewerb teil, die sich in zwei Schulverbünden zusammengeschlossen haben: zum Schulverbund Süd gehören die Oberschulen Sophie Scholl, Georg Weerth und Gustav Heinemann, der Schulverbund Nord besteht aus dem Bertha-von-Suttner- und dem Carl-von-Ossietzky-Gymnasium sowie der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule. Unter den Siegern der Verbünde werden am 23. Mai die besten Berliner Debattanten ermittelt, das Bundesfinale findet am 15. Juni im Schloss Bellevue statt.

Charakteristisch für den Wettbewerb ist, dass zunächst die Lehrer geschult werden; sie bekommen Unterrichtsmaterialien und ein zwei- bis dreitägiges Training. Anders als „Jugend forscht" oder „Jugend musiziert" kann sich „Jugend debattiert“ ja nicht auf ein vorhandenes Schulfach stützen – es gibt kein Fach Rhetorik. Naturgemäß ist das Interesse am größten bei Lehrern, die Deutsch oder Politische Weltkunde unterrichten. „Aber es kommen auch Informatik- oder Physiklehrer“, sagt Tim Wagner, der den Berliner Teil des Wettbewerbs für die Hertie-Stiftung koordiniert. „Man kann ja auch im Physikunterricht debattieren, etwa über Atomkraft.“

Judith Koch, die am Bertha-von-Suttner-Gymnasium unterrichtet, ist begeistert: „Das Training hat auch denen viel gebracht, die lieber zuhören als selbst debattieren. Es schärft enorm die Urteilskraft und den Blick dafür, wie Leute argumentieren. Meine Schüler haben über schwierige Themen debattiert, wie Sterbehilfe oder Präimplantationsdiagnostik. Die werden jetzt auch bei Talkshows im Fernsehen ganz anders zuhören.“ Und Bernd Schönenberger, Leiter des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums, lobt, dass die jeweils Besten mit Seminaren belohnt werden und nicht mit Geld. „Der Schwerpunkt liegt auf der Bildung, und damit kann man Schüler auch locken. Im nächsten Jahr sind wir auf jeden Fall wieder dabei.“

Mehr zum Thema im Internet unter:

www.jugend-debattiert.ghst.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben